Fragestellung

Stelle Dir vor, Du könntest Dir für einen Tag Deinen Traumpartner „ basteln“.
Wie sieht er aus ? Welche Augenfarbe – Haarfarbe ? – beschreibe Ihn / Sie
uns möglichst genau.
Und dann erzähle uns wie Euer gemeinsamer Tag abläuft ?
Wo geht ihr hin ?
Was macht ihr so den ganzen Tag ?
Wieviel Zeit nimmt der Sex in Anspruch ?
Über welche Themen unterhaltet ihr euch ?

Antwort

Wie sieht er aus? Gebastelt – sieht er so aus: ca 180 groß, gut 80 kg schwer, also weder hager noch richtig fett, das etwas überflüssige Gewicht verteilt sich schön am ganzen Körper, Arme, Beine, Seiten, Hals, Gesicht – insgesamt also ganz leicht rundlich, aber das überall! Haare sind schwarz, Augen sind blaugrau, wie meine, aber ein bißchen mehr blau. Er hat behaarte Unterarme und auch weiche Häarchen am Handrücken. Brust ist höchstens leicht behaart, auf jeden Fall nicht pelzig. Kräftiger Hals. Da schwarzhaarig ist er auch ein anderer Hauttyp als ich, ohne braungebrannt zu sein, hat er ganz einfach Farbe.  Keine großen Füße.

Er hat einen mehrfarbigen Strickpullover guter Qualität und guter Form an, und ne Stoffhose ohne Bügelfalte, oder nur mit einer leichten, kein harter Stoff, vielleicht in grau oder beige. Einfarbige Strümpfe, ähnliche Farbe wie die Hose, Halbschuhe schwarz oder Anthrazit. Die Jacke ist so ne Allroundjacke, sportliches Material oder aus Baumwolle, dezente Farbe, hüftlang, einfarbig anthrazit, dunkelblau, dunkelrot, dunkelgrün oder so.  Ach, ich darf ja basteln, also dunkles weinrot. Weinrot sieht super aus bei schwarzhaarigen Männern :-) .

Er hat keine auffallenden Muskeln und bloß keinen Waschbrettbauch, das ergibt sich ja schon aus dem vorigen, einen sparsamen, elastischen Gang, Augen, die zuhören können und ein Gesicht, das mit dezenter Mimik spricht. Er redet gerne, oder sagen wir besser, er redet locker – er muß sich nicht alles erst überlegen, bevor er was sagt, Mut zum Unvollkommenen, Reden als Austausch und nicht als Wahrheitsoutput. Er redet relativ schnell, nicht hastig, gut verständlich, normal laut (weder laut noch leise), Stimme hat ein wenig Resonanz, und ist vom Tonfall her locker und ruhig. Er hat Humor, macht gerne Witze, die ihn selbst amüsieren und freut sich, daß ich die gleiche Art von Witz mag und verstehe, verläßt sich darauf, daß ich eine genügende Menge seiner Witze verstehen werde, so daß er nicht nach jedem eine abwartende Pause machen muß – auch alleine hätte er Vergnügen an seinen Witzen. Er macht aber keine persönlichen Witze, auf der persönlichen Ebene handelt es sich um wenige freundliche Frozzeleien, die in die Situation passen.

Die Aufgabe läßt die allerschwierigste Frage für mich offen, den Charakter – dabei ist er das wichtigste. All das oben hab ich nur aufgeschrieben, da es sich um eine Bastelaufgabe handelt – Basteln ist aber in dem Gebiet nicht – sondern Auswahl, und beim Charakter bin ich wählerisch. Nur die Worte dafür fallen mir schwer zu finden. Am leichtesten ist noch, er sollte charakterlich eine gewisse Ernsthaftigkeit, Verläßlichkeit und Strukturiertheit haben, die mir abgeht. Also nicht so total pedantisch, aber schon deutlich mehr als ich. Das ist einfach deshalb wichtig, sonst würden wir zusammen im Chaos versinken. Und an jemandes anderen Ordnung in Alltagsorganisation kann ich mich gut anlehnen – auch wenn mein Ex das aus Erfahrung bezweifeln würde – aber das ist ja auch schon wieder einige Jahre her – und nun leide ich selbst unter meiner minimalen Struktur. Diese Verläßlichkeit bezieht sich auf Zeit, Aufgaben, Geld, Sachen – sie bezieht sich nicht auf Ideen – im Gegensatz zu mir sollte er also die Freiheit des Geistes nicht auf das Alltagsleben übertragen haben. Doch er sollte wie ich Ideen auch nicht sehr wichtig nehmen. Er sollte sie lieben, wie ich, aber nicht auf ihnen beharren – keine Idee ist es wert, daß man darum kämpft. (Kampf als gegen andere gerichtete Aktion). Ideen, Gedanken sollten für ihn Vergnügen sein. Etwas, über das man sich austauschen kann, etwas über das man sich locker auch streiten kann, etwas, das man vertreten kann, etwas, das man zeitweilig einfach super finden kann, und dem man sogar anhängen kann – doch es ist immer klar, daß Ideen niemals Vorrang haben! Im Gegensatz zu mir könnte er ein wenig kritischer eingestellt sein, diese Anfangsbegeisterung für jeden Schmarrn die mir zu Eigen ist, sollte er nicht teilen. Er sollte im Denken ein wenig konservativer eingestellt sein als ich (noch mehr abgehoben geht auch kaum, wenn man nicht wie eine Feder hin und hergeweht werden will). Aber es ist wichtig, daß er eine sehr große Sympathie für meine Anfangsbegeisterung hegt. Jetzt verlasse ich wieder den Konjunktiv, in den ich ganz zufällig gerutsch bin weil ich mich einfach nicht zu hoffen traue, daß es so jemanden gibt – wahrscheinlich ist es echt spinnert! So läuft das Leben eben nicht. Man liebt erst jemand und dann lernt man seinen Charakter detailliert kennen.

Ihm ist wie mir das wichtigste ein angenehmes Miteinander – und das bezieht sich nicht nur auf die Beziehung zwischen uns, sondern auch auf andere Menschen. Das bedeutet nicht Opportunismus, sondern daß er die soziale Fähigkeit erworben hat, um eben einen eigenen Standpunkt, eigene Interessen zu vertreten, ohne die Beziehung (zum jeweiligen Gegenüber) zu trüben, daß er in der Lage und bereit ist, Trübungen zu erkennen und aufzuhellen, daß er fähig ist, kritische Situationen schon vorrauszusehen, und gar nicht auf den Punkt der Verletzung zusteuern zu lassen. Die Fähigkeit, zu ändern, was zu ändern ist, die Gelassenheit, sein zu lassen, was nicht zu ändern ist und die Erkenntnisfähigkeit, zwischen beidem zu unterscheiden. Die Fähigkeit, eigene Interessen zu vertreten, die Fähigkeit, darauf auch zu verzichten – und die Fähigkeit zu entscheiden, wann das eine und wann das andere angebracht ist. Einfühlungsvermögen und hohe kommunikative Kompetenz beschreibt das wohl schlagwortartig am besten. Oder, wenn man dem ein Prinzip zu Grunde legen möchte, Fürsorgeethik anstelle von Verantwortungsethik. Das ist mir wichtig. Das muß er mit mir teilen. Ich habe zwar im Laufe meines Lebens, mangels anderer Möglichkeiten, gelernt, sehr gut mit den Verantwortlichkeitsethikern zu leben, aber richtig glücklich, wenn ich schon basteln darf, bin ich nur mit einem Fürsorgeethiker. Das sind philosophische Fachbegriffe – Fürsorge bedeutet nicht, wie man befürchten könnte, wenn man nur das Wort liest, Betüttelei! Dabei enthält eigentlich der Begriff der Fürsorgeethik schon ein Wiederspruch in sich, denn der Fürsorgeethiker hat keine vorrangige Ethik, die kann ein Beobachter (der auch er selbst sein kann), dann anhand des Verhaltens beschreiben.

Jetzt kommt noch ein Punkt, der kommt rein, weil ich heute backe, aber der ist eigentlich illusorisch – da muß ich mich ändern *seufz*. Obwohl, so illusorisch ist das gar nicht, ich kann das ja auch. Er kann erkennen, wann ich in einem StuckState bin – er kann erkennen, daß das ziemlich "grundlos" passiert, daß er da eigentlich gar nichts dafür kann – aber das jetzt dann keine Chance mehr besteht, mit Vernunft oder Diskussion oder Vergangenheitsbewältigung da raus zu kommen. Er fühlt sich nicht dafür verantwortlich, im Sinne von "schuld" – aber schon in dem Sinne, daß er mir anbietet, für mich dazu sein, bis ich da wieder raus komme – und das bedeutet einfach stille, freundliche, erwartungslose Nähe. Und das allerbeste ist, da es für diese Zustände ja keine wirklichen Gründe gibt, nur Auslöser, beeinflußen sie nicht sein Verhalten – also wenn ich da reinrutsche, während wir z.B. Äpfel Pflücken, ist das noch lange kein Grund, im Laufe unseres gemeinsamen Lebens nun nicht mehr Äpfel zu pflücken oder beim Vorschlag, Äpfel zu pflücken, zu sagen, aber nur, wenn du das verträgst oder so einen Unfug. Ich kann das tatsächlich. Ich bin mit so einem ähnlich komplizierten Menschen verwandt – und daher weiß ich das. Ich konnte das immer intuitiv – außer natürlich, ich war total gestresst, aber das ist was anderes, das sind Mütter leider manchmal. Ich konnte den Zustand erkennen, wo das Kind nicht mehr alleine raus kam – null Chance. Dafür konnte niemand was! Es war einfach eine Tatsache. Ich hab keine Ahnung, ob man als Erwachsene ähnlich kompliziert sein darf, aber ich bin es nun mal und hier bin ich ja am Basteln.

Dann basteln wir doch gleich weiter – er liebt Wasser, so wie ich. Er schwimmt gerne, er spritzt gerne andere Leute mit dem Wasserschlauch naß, er geht gerne im Regen spazieren, er geht gerne am FlußUfer oder am Meer spazieren, er liebt Boot fahren, so wie ich, er liebt alle Arten von Himmelsfarben so wie ich, er liebt Sturm, so wie ich. Oki, Sturm und Himmelsfarben muß er nicht lieben, doch er liebt, daß ich diese Sachen liebe. Und, weil wir am Basteln sind, er kann tanzen und es ist schön für ihn, mir zu tanzen, während ich das lerne, und nachher natürlich auch. Und er kann kochen – und er liebt es, zu kochen, während ich ihn bequatsche. Er kann sich hinstellen und zutiefst über ein Mißgeschick von mir lachen, ohne Angst zu haben, daß ich dann beleidigt bin, das bin ich nämlich nicht, wenn jemand von Herzen lacht und umgekehrt auch, im Zweifel, ob sein Mißgeschick oder mein Lachen wichtiger ist, entscheidet er sich am Ende für wenigstens ein brummelndes Grinsen. Im Miteinander zwischen uns kennt er keinen Konjunktiv und benötigt ihn auch nicht! Er wacht wenigstens 330 Tage im Jahr mit mir im selben Bett auf. Er liebt Zärtlichkeit, das ist ja eh selbstverständlich, das will ja fast jedeR – und er liebt es, sich öfter mal durch kleinste Gesten, ein Lächeln, ein Streicheln, einen Blick der Verbundenheit zu versichern. Er hat nicht das Ideal, alles gemeinsam zu tun. Es ist durchaus möglich, daß er lieber Salzwasserfische züchtet, während ich Karten spielen gehe. Doch er darf auch meine Begeisterung zu Doppelkopf teilen. Ich werde die Salzwasserfische still bewundern.

Damit haben wir alles zusammen, um den gemeinsamen Tag zu beschreiben – ist da ein bestimmter Tag gemeint, oder der durchschnittliche? Hmm. Hört sich eher nach einer Woche an – Sex und Unterhalten und WoHingehen und NochWasMachen, wobei man ja weiß, daß man auch noch arbeitet – nehmen wir also ne Art durchschnittlicher Tag über eine Woche, die nicht Urlaub ist, und nicht Berufsabsenz, verteilt.

Wir haben bei offenem Fenster geschlafen und ich wache gegen viertel vor 6 Uhr auf, ohne Wecker, einfach so. Er schläft noch, riecht nach Schlaf, ich kuschele mich an ihn und schnuppere an ihm. Wir schlafen beide nackt. Ich weiß, daß er gleich aufwachen wird, wir sind beide Morgenmenschen. Das schöne daran ist, daß man sich jeden Morgen entscheiden kann, hat man nun Lust auf "mehr" oder reicht an diesem Morgen ein Lächeln. Denn wir haben ja genügend Zeit. So zweimal die Woche haben wir morgens Lust auf ein bißchen Sex, so einfach als erweiterte Zärtlichkeit, manchmal bis zu einem Orgasmus, manchmal nur so zum DurchUndDurchLächeln. Während er in der Dusche ist, mache ich Frühstück (das ist nicht edel, sondern praktisch – ich brauch was zu tun, zum Wachwerden, und mein Frühstück mach und mag ich gern). Wir frühstücken gemeinsam, ich räume den Tisch ab, und gehe duschen. Wir reden kaum beim Frühstück. Vielleicht liest er Zeitung, ich hänge meinen Gedanken nach. Vielleicht haben wir uns unterhalten, was wir nach der Arbeit machen wollen. Oder sonst über Kleinigkeiten des Alltags. Wenn ich aus der Dusche komme, ist er auf dem Sprung zur Arbeit oder auch schon weg. Ich geh in mein Arbeitszimmer und fange zu programmieren an. Die Sonne scheint oder es regnet – ein schöner Tag. Ich koch mir einen Reis mit irgendeinem Gemüse, schnipple noch ne Wurst rein, davon werde ich zwei Mittagessen bestreiten, abends unter der Woche gibt es Brote und manchmal Salat, die machen wir abwechselnd. Je nachdem, wer welchen Salat besser kann. Wenn Kleinigkeiten einzukaufen sind, besorge ich die. Wenn er mit Arbeit fertig ist, gehen wir manchmal vor dem Abendessen noch in die Sauna, oder wir machen, je nach Jahreszeit vor dem Essen oder nachher noch einen längeren Spaziergang oder wir Essen einfach, und gehen gemeinsam weg, Freunde besuchen oder in eine Kneipe oder ins Kino oder wir gehen getrennt weg, oder auch nur einer, oder wir kucken zusammen fern, wenn es ein Spielfilm ist, kuscheln wir dabei, wenn es ein Dokumentarfilm ist, reden wir dabei darüber. Beim Reden über Sachen kann ich nicht kuscheln. Oder wir machen getrennt beide etwas zu Hause, lesen, am Computer basteln oder spielen, telefonieren, schreiben, das ist deutlich mehr als die Hälfte der Abende. Beim Abendessen wenn es ohne Zeitdruck ist, reden wir länger, über Tageserlebnisse, Sorgen, Überlegungen, Pläne fürs Wochenende, andere Planungssachen, Gedanken aus Büchern oder Filmen oder tagespolitische Themen. So alle paar Wochen ergibt es sich auch, daß wir damit den ganzen Abend verquatschen. Wir gehen meist nicht zusammen schlafen, aber wir erzählen dem anderen, daß wir jetzt ins Bett gehen, und der sagt dann, ich komme auch gleich oder ich mach noch ne Stunde, doch wenn wir uns gemeinsam wach im Bett wiederfinden, können sich die Zärtlichkeiten zu Sex ausdehnen, das kommt aber unter der Woche nicht so oft vor, einmal vielleicht.

Am Samstag vormittag besprechen wir die Einkaufsliste, und der, der nicht einkaufen geht, macht zu Hause sauber. Vielleicht verbringen wir einen langen Samstag draußen am Wasser, vielleicht machen wir eine kleinere Kanutagestour, dann brechen wir schon um elf Uhr auf, oder vielleicht sogar schon frühmorgens, vielleicht kocht er was größeres und ich sitze dabei und quatsche die ganze Zeit, am Nachmittag hab ich vielleicht Lust, Kuchen zu backen, oder spazierenzugehen. Vielleicht kocht er auch erst Abends, oder wir gehen Abends aus, vielleicht ins Kino oder wirklich zum Tanzen. Oder auch länger in die Kneipe. Am Sonntag gehen wir alle paar Wochen mal zu einer lokalen Veranstaltung, Kleinkunst. Oder wir besuchen Leute. Oder wir sind das ganze Wochenende jemand besuchen gefahren. Oder einer von uns fährt alleine jemand besuchen. Es kann sich so ergeben, daß wir ein ziemlich faules Wochenende nur zu Hause verbringen, und dabei kann es auch sein, daß wir zu unchristlicher Tageszeit entdecken, daß wir jetzt Lust und ausführlich Zeit zu sexueller Aktivität haben.

Das kommt also dabei raus, wenn ich mir einen Mann bastle. Die Erfahrung zeigt aber, daß man mit realen Menschen auskommen muß. Dennoch hat es mir Spaß gemacht, so detailliert zu träumen.

Fini

 

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Monika Fürch alias Oskopia Kaleid, 2002