31.Juli 2002

Grenzland

Es ist nicht nur poetisch, zu sagen, für die Erfahrungen im Grenzland gibt es keine Worte.

Etwas Science Fiction

Nimm an, nicht daß ich da war, doch nimm einmal an, du wirst auf einen Planeten gebeamt. Dort passieren "Dinge", die du nicht vorher weißt, die du aber vorher erraten kannst. Wenn du die beweglichen "Objekte" auf dem Planeten ansiehst, sehen sie alle irgendwie gleich aus - sie sind ununterscheidbar, weil sie sich ständig verändern, was an jedem "Objekt" so gleich bleibt, daß es immer das selbe ist, kannst du mit deinen 5 Sinnen nicht erkennen. Für die Augen sind sie außerdem recht unscharf, riechen tun sie gar nicht, anfassen kann man sie auch nicht und hören tut man auch fast gar nichts von ihnen. Ziemlich uninteressant, wenn das Knie schmerzt, du dich einsam fühlst und Hunger kriegst. Immerhin können sie dich nicht angreifen - ohne Festigkeit keine Verletzung. Wenn du rumwanderst, eher humpelst, der Beamer sollte mal durchgecheckt werden, der Planet hat die gleiche Schwerkraft wie die Erde. Der ZentralComputer wenigstens ist in Ordnung. Du hast ein bißchen das Gefühl, wie auf Watte zu gehen, du fasst runter - nein, deine Schuhe haben direkten Bodenkontakt, da ist fester Boden, nichts dazwischen. Die "Landschaft" ist öde, alles sieht gleich braun-grau aus. Leicht uneben, nicht gewellt, mal da eine kleine Erhebung, mal dort. Sehr kleine Unebenheiten, so 10 Meter im Durchmesser, vielleicht 1 Meter hoch und ziemlich nah beeinander. Und das soweit das Auge reicht, in alle Richtungen. Du hast eh nichts zu tun, Funkkontakt wird erst wieder in 3 Stunden möglich sein. Du wanderst also durch die ewig gleiche "Landschaft". Ja, du wanderst - die Schmerzen im Knie sind verschwunden. Du fasst an das Knie - es ist nicht mehr geschwollen. Der Gedanke weht durch dich, auf einem dieser Hügel ist der Schmerz verschwunden - und auch der Hunger wurde weniger. Der Hügel fühlte sich "anders" an. Naja, irgendwie ein bißchen. Nichts genaues. Du weißt, daß das nicht sein kann, und achtest nicht darauf.

Ausserhalb deines Bewußtseins beschäftigt es dich aber weiter. Und deine Überprüfungseinheit, die auch ohne Bewußtsein arbeiten kann, legt schnell das Szenario für ein ad-hoc Experiment fest. Wenn wieder so ein Hügel kommt, der "anders" ist. Du wirst dich eine Weile auf diesem Hügel aufhalten und beobachten ob der Hunger abnimmt. Und selbst das nächste ad-hoc Experiment planst du schon, ohne es zu wissen. Wenn der Hunger abnimmt, denn Gefühlen/Empfindungen ist nie so recht zu trauen, wirst du dich kräftig auf das Knie schlagen, bis es schmerzt und anschwillt (du kannst das, du hast eine Qualitätsausbildung hinter dir), und du wirst beobachten, wie schnell die Schwellung zurückgeht und der Schmerz verschwindet. Auch ein drittes ad-hoc Experiment ... nein, das ist selbst ohne dein Wissen noch nicht fertig, doch es ist in Arbeit. Dafür muß erst überprüft werden, ob du bereit sein wirst, doch schwerer zu verletzen. und es muß abgecheckt werden, wie schwer denn noch riskiert werden kann. Das braucht etwas längere Rechenzeit. Und es eilt ja auch nicht, zwei Experimente sind ja bereits fertig und jetzt muß ein "anderer" Hügel gefunden werden. Dir wird die Suche nach einem "anderen" Hügel bewußt. Du glaubst es nicht, aber du hast eh nichts wichtigeres zu tun. Also achtest du auf die Hügel. Sie sind alle ... nun, wie die beweglichen "Objekte", sind sie nicht gleich, aber ununterscheidbar. Die Unterschiede sind für dich ohne Belang, du kannst sie nicht im Geiste festhalten. Die Hügel sind alle gleich, du gehst gezielt auf einen zu, der ca 300 Meter entfernt ist. Wieso gerade der, fragst du dich? Es ist doch egal, welcher, antwortest du dir, sie sind eh alle gleich. Aber der ist irgendwie anders, weht durch deinen Kopf.

Beide Experimente, die dir auf dem Hügel nacheinander "einfallen", verlaufen positiv. Der Hunger ist wirklich weg, das erste Experiment kannst du also nicht wiederholen, doch du haust dir auf einem anderen Hügel auf das Knie, bis es anschwillt und so richtig verdammt weh tut und du humpeln mußt - das Knie bleibt dick, auch wenn du lange auf dem Hügel sitzen bleibst. Du humpelst zu zwei weiteren Hügeln, am Knie ändert sich nichts. Du gehst wieder auf den "anderen" Hügel und kannst beobachten, wie der Schmerz binnen Minuten aufhört und die Schwellung verschwindet. Eigentlich solltest du viel mehr beunruhigt sein, denkst du. Doch in Wirklichkeit stört dich das alles nicht, es erfreut dich. Anders als man einfach erfreut ist, wenn man gesund wird.

Die beweglichen "Objekte" kommen dir in den Sinn. Du betrachtest die beiden, die ca 10 Meter von dir entfernt ... wogen/schwadern (du hast kein Wort dafür, was sie tun). Sie sind wie Nebel, denkst du, wie kommst du überhaupt auf den Gedanken, daß es Objekte sind. Vom ersten Anblick an hast du gedacht, daß es Objekte sind, sogar, daß sie sich "aus sich heraus" bewegen. Sie sind dir freundlich gesonnen, denkst du. Nun wirst du doch stark beunruhigt. Einem Nebel schreibt man keine SubjektEigenschaften zu. Du bist froh, daß in einer guten Stunde wieder Funkkontakt möglich sein wird. Solange wirst du deine geistige Gesundheit schon bewahren können. Vielleicht sind es Engel denkst du. Du wirst sehr wütend auf dich. Vielleicht bin ich ja auch ein Engel, denkst du empört - und kneifst dich kräftig in den Unterarm. Das tat ganz normal weh. Na siehste, ich bin kein Engel. Kopfschüttelnd und beruhigt beobachtest du das Interesse das von dir in Richtung der "Objekte" auszieht. Es sieht ein bißchen aus, wie eine winzige Wehe Zigarettenrauch. Habe ich gerade gedacht, mein Interesse sieht aus wie Rauch?

Du willst höchst beunruhigt sein, doch du bist es nicht. Es ist auf eine stille Art vollkommen in Ordnung, daß dein Interesse irgendwie aussieht. Du weißt, daß das ganz und gar nicht in Ordnung sein darf, doch wer bist du, den Geschehnissen der Welt zu gebieten, wie sie sich zu verhalten, wie sie zu erscheinen haben. Es ist in Ordnung. Du mußt es ja niemandem erzählen. Sie würden dich zur Behandlung schicken. Du erinnerst dich, daß sie die anderen drei, die schon zu Exkursionen hier abgesetzt wurden, in den Innendienst versetzt hatten. Zwei von ihnen hatten dann ziemlich schnell gekündigt. Was machen die eigentlich jetzt. Der dritte war geblieben, und, das Krisenpsychoteam kümmerte sich um ihn, angeblich, weil sie eh nichts zu tun hatten. Aber sie hatten es alle geglaubt. Es stimmte, die Standardteams waren auf lange Monate ausgebucht, warum sollte das Krisenteam immer eine ruhige Kugel schieben. In Engpässen muß man flexibel sein. Du wirst aber niemandem was erzählen. Denn du weißt, daß es nichts zu erzählen gibt. Was du erzählen kannst, klingt verrückt - und wie du es erzählen kannst, ist es nicht wahr.

Du hast eine hervorragende mehrfache Ausbildung. Mental, technisch und natürlich körperlich. Wieso es sein kann, daß man Dinge erleben kann, für die es keine Worte gibt, ist dir unverständlich. Du wirst sicher zurückgebeamt, du erzählst von vereinzelten Nebelschwaden, von dem verletzten Knie, daß es aber doch nicht so schlimm war und durchs Laufen besser wurde, hunderte von Stunden lang erzählst du das gleiche. Du hast eine hervorragende Ausbildung. Du erzählst nichts. Du läßt dich nicht in den Innendienst versetzen, du kündigst gleich. Du weißt, daß sie Schlüsse ziehen werden, doch du mußt etwas herausfinden. Wie kann man etwas erleben, wofür es keine Worte gibt. Du willst ihnen gerne erzählen, was passiert ist, es ist dein Land, es sind deine Leute, du fühlst dich ihnen verbunden. Wie kann man etwas erzählen, wofür es keine Worte gibt. Im Land der Worte, in deinem Land, ist nichts passiert, was man erzählen könnte.

Unbewußte Gedanken

Die Geschichte ist zu Ende, ich hätte das mit den "Objekten" ausarbeiten können, wie du geahnt hast, wohin sie wabbeln werden, wie du dir manchmal sicher warst, mit welcher Einstellung sie dir gegenübertreten - doch ich hab sie einfach so runtergeschrieben. Vielleicht ist ein bißchen durchgedrungen, was ich fassbar machen will - erstmal eigentlich für mich. To grap the point. Wenn ich keine Worte dafür habe, kann ich es ja niemandem erzählen.

Nein, ich war nicht auf dem Planeten. Die Geschichte soll was anderes verdeutlichen - nicht mein Erleben, sondern eine Frage, die ich nicht stellen kann. Wenn ich recht habe, mit dem, was ich klären will, kann ich gar nicht wissend auf dem Planeten gewesen sein, denn ... drum eben, wegen dem, um was es mir geht.

Ich hab mich doch mal laut gefragt, wieso Bewußtsein nötig ist - alles funktionierte (Präsens Konjunktiv) auch ohne. Das einzige, was nicht ohne funktioniert, ist die Innenperspektive. Doch es ist einfach kein Vorteil an der (bewußten) Innenperspektive zu erkennen. Daß Berechnungen ein Bild des Handelnden (also von mir) benötigen, ist schon klar, doch auch dafür braucht es keine Innenperspektive, kein "wissen, daß". Es ist nicht nötig, das eigene System so herausragend zu differenzieren, einfachere Marker hätten es auch getan. Und, das Unlogische an der Innenperspektive ist, wir können sie zwar nicht objektivieren, nee, nie, doch wir gehen ununterbrochen davon aus, daß andere sie auch haben. Wir wissen nie, ob unsere Annahmen über andere stimmen, doch wir sind uns sehr oft gewiß, daß sie falsch sind oder stimmen - und wir haben ein Bedürfnis, nach der Gewißheit der Übereinstimmung. Ist das alles,weil es unlogisch ist, auch nutzlos?

Anderer Faden: Ein Einzeller im Meer. temperatur- und "Duft"molekül-gesteuert. Komplexer vielleicht, als eine Heizungsregelung, aber nicht wesentlich anders. Ein Zielzustand (eher Zustandsbereich) und Feedbackschleifen. Wenn wir sagen, diese oder jene Schaltung (wie man das beim Einzeller nennt, weiß ich nicht), repräsentiert die Umgebungstemperatur, dann wissen wir sehr genau, daß wir das Wort "Repräsentation" vorsichtig verwenden. Ein Aspekt, den wir sonst bei Repräsentation mit meinen, fehlt. Es ist, wenigstens beim Einzeller, nicht die "Repräsentation für" des Steuerungssystem, die fehlt. Die Temperaturrepräsentation ist im Eigeninteresse des Einzellers. Es muß was anderes sein. Das einzige, was uns dann noch einfällt, ist, es ist keiner zwischengeschaltet, der weiß, daß es eine Repräsentation der Temperatur ist. Wir wissen das, als voll repräsentationsfähige Beobachter. Und es ist aber noch ein anderer Unterschied. Etwas anderes, was nicht vom Beobachter abzuhängen scheint.

Und jetzt versuche ich, die biologischen Systeme mir komplexer zu denken als den Einzeller, aber immer noch ohne einen inneren Beobachter. Und dann kommt ein Bereich, ab dem ich intuitiv vermute, es hat sich etwas verändert in der Repräsentation, ich vermute, das biologische System hat jetzt eine "wirkliche" Repräsentation. Ich vermute intuitiv, das biologische System hat jetzt repräsentierte Objekte. Diese Intuition glaube ich aber, ist ... nicht so ganz richtig. Die Rohdaten haben sich nicht wesentlich verändert. Sie sind nur viel mehr geworden. Und sie werden strukturiert, glauben wir. Anders kann es gar nicht sein. Anders ergeben sie keinen Sinn. Komplexität ist nur durch Strukturierung nutzbar. Aber ist mit Strukturierung notwenigerweise Objektivierung (Objekthaftigkeit) verbunden?

Ich nehme mal an, der Unterschied, den ich suchte, vom Einzeller zum komplizierteren biologischen System war Strukturierung ohne Objektivierung. Es ist nicht nur niemand da, für den es Objekt sein könnte, es ist auch kein Objekt da (im System meine ich, über die Aussenwelt spreche ich hier gar nicht). Ich glaube, ich kann es nicht wissen, daß kein Objekt da ist und ich kann mir grade auch nicht vorstellen, wie man es untersuchen kann. Ich geh mal einfach davon aus, wenn man es nicht wissen kann, kann ich das ja ebensogut machen, wie vom Gegenteil ausgehen.

Jetzt muß ich doch suchen, was ein Objekt ist. Ob es das ist, was ich damit meine. "Der Gedanke und das Objekt sind eines (identisch), sie werden zugleich abgeleitet. Gedanke und Objekt sind eines" Steinerschule Bern über Goethes Philosophie. Klingt so, als meint er das gleiche wie ich. Muß aber nicht sein. Die Definition von Objekt von Phillex ist auch nicht, was ich suche. Da wird Objekt nur von Subjekt unterschieden, aber nicht erzählt, wie Objekte gebildet und abgegrenzt werden. Die Links, die ich mir bei einer Suche über "Objekt Philosophie Struktur" überfliege, erwecken den Eindruck, als wäre Objekt ein unhinterfragtes Konzept. Eines, ohne das man nicht denken kann. Objekte gibt es für das Auge und die Hand. Es gibt weniger genau Objekte beim Hören oder bei Körpergefühlen, wohl kaum beim Riechen.

Mein komplexes biologisches System hat also Strukturierung ohne Objektbildung. Kann es Objektbildung geben, ohne "wissen, daß"? Ist der Stock (im Kopf des Affen), mit dem ein Affe nach Ameisen angelt, ein Objekt? Ist das Zweiglein, daß der Vogel ins Nest einbaut, ein Objekt (im Kopf des Vogels)? Ist eine Mücke, nach der der Frosch die Zunge ausfährt, ein Objekt (im Kopf es Frosches)? Wie ist die Tasse, aus der ich trinke, ein Objekt in meinem Kopf? Die Rohdaten der Tasse in meinem Kopf sind , so glaube ich, im Prinzip nicht anders als die Rohdaten einer Mücke im Kopf des Frosches - oder eines Mäuschens im Kopf eines Marders. 'Schaltungen', "die zusammengehören", in einem Gebilde von vielen anderen Schaltungen, die nicht dazu gehören. "Feature Binding" stellt schon auf der untersten Ebene die Zusammengehörigkeit her. Die Beschreibungen gehen davon aus, daß verschiedene Reize verschiedener Objekte in der Aussenwelt durch Synchronisation verteilter Neuronenverbände als zu einem Objekt gehörig zusammengefasst werden. Für mich liest sich das so, als fassten wir glücklicherweise zusammen, was zusammengehört. Und nicht, als gehört für uns zusammen, was wir (wenn auch automatisch sozusagen "natürlich" *ggg*) zusammenfassen. Aber das ist natürlich Sophisterei. Oder steckt doch mehr dahinter?

Gibt es Feature Binding auch bei anderem Sinnesinput als bei visuellem? Katzen haben dieses Feature Binding auch. Und Katzen haben, ich nehme es mal an, keine Objekte. Nicht die Objekte, die ich meine. Feature Binding reicht nicht für die Objekte, die ich meine - es ist nur eine mögliche Vorraussetzung. Jetzt bleibt nicht mehr viel. Eigentlich fällt mir gar nichts mehr ein, was bleibt - außer selbstreflexivem Bewußtsein. Und das wollte ich doch grade nicht haben - ich wollte was dazwischen haben. Objektivierung ohne selbstreflexives Bewußtsein. Feature Binding alleine macht keine Objekte. Ebensowenig, wie die Temperaturmessung bei dem Einzeller eine Repräsentation ist.

Irgendwo ist da ein Punkt: Es gibt abermillionen Daten im Gehirn, die a) nicht bewußt sind und die b) nicht zu Objekten verknüpft sind. Es ist verführerisch die beiden Sachen zu verbinden. Es muß aber nicht so sein.

 

 

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Monika Fürch alias Oskopia Kaleid, 2002