27.April 2002

Lauter Affen

Mein Kind hat sich schon ne Woche nicht gerührt. Bis jetzt ist sie immer wieder aufgetaucht. Ich gerade fast in Panik - und ich weiß, daß das, wozu ich mich entschieden habe, das einzig Vernünftige ist. Man kann es drehen, wie man es will. Man kann niemand zwingen, etwas zu wollen. Außerdem, war ja Montag, wo wir telefoniert haben. Sie hatte Reisefieber. Eigentlich alles ganz normal. OK. It is just a template pattern. Es hat gar nichts mit dem Kind zu tun. Es ist ein Pattern mit Priorität 1A, Panik, und wenn es irgendwo anhaften kann, wird sofort dieses genommen. Es wäre praktischer, man hätte Pattern ausgebildet/erworben, die auch 40 Jahre später noch zur Welt passen. Hat man aber nicht.

Wieso hat David Greybeard Jane Goodall die Hand gedrückt? "Aber der bedeutendste Moment von allen war wahrscheinlich, als mich David Greybeard als Erster der Schimpansen in seine Nähe ließ. Ich war damals gerade ein Jahr in Gombe. Ich folgte David Greybeard durch den Wald und dachte schon, ich hätte ihn verloren, als ich ihn vor mir sitzen sah. Neben ihm lag eine kleine rote Palmnuss. Schimpansen lieben diese Nüsse, deshalb nahm ich sie und bot sie ihm an. Ich hielt sie ihm hin, aber er drehte den Kopf weg. Als ich sie ihm noch dichter hinhielt, drehte er sich um und sah mir direkt in die Augen. Er nahm die Nuss, legte sie weg, nahm stattdessen meine Hand und drückte sie ganz sanft. Das ist bei Schimpansen eine beruhigende Geste. Sprache war da gar nicht nötig. Ich bot ihm ein Geschenk an, er verstand die Geste, wollte aber die Nuss nicht und beruhigte mich. "

Heut früh bin ich aufgewacht und hatte Urmenschen im Kopf. Einen Moment überlegte ich, wo die wohl herkamen, und dann fielen mir die Affen ein. Schimpansen jagen auch, sie fressen andere Affen, manchmal fressen Weibchen auch Schimpansenbabies von anderen Müttern. Die Männchen führen auch Stammeskämpfe, ziemlich brutal. Das tun sie alles nicht meistens, aber sie tun es. Ich bin mir sicher, sie haben damit keine moralischen Probleme. Sie brauchen als AffenKindMädchen ihre Mütter, um zu lernen, wie man als ausgewachsene Äffin Affenbabies aufzieht. Sie können komplexe Gestensprache lernen, aber was noch viel faszinierender ist, haben sie sie gelernt, bringen sie sie von alleine ihren Kindern bei. Und was ist es, was sich Jane Goodall am meisten wünscht, wenn sie alle Wünsche der Welt frei hätte? "Darf ich mir etwas Magisches wünschen? Dann möchte ich ein einziges Mal in den Geist eines Schimpansen schlüpfen und für ein paar Minuten die Welt mit seinen Augen sehen. Das wäre das Faszinierendste für mich"

Schimpansen können planen, sie bereiten den Stock, mit dem sie Termiten angeln werden, schon vor, bevor der Termitenhaufen, zu dem sie unterwegs sind, in Sichtweite ist. Können sie deswegen planen? Sie können lügen. Also, zum Beispiel, wenn klar ist, daß der Experimentator dann das Stückchen Apfel unter einem der drei umgedrehten Becher selber essen wird, wenn sie ihm zeigen, wo es ist, auf den falschen Becher zeigen, obwohl sie sonst, wenn sie das Apfelstück selber essen dürfen, immer den richtigen erwischen. Lügen sie deswegen? Wieso hat David Greybeard Jane Goodall die Hand gedrückt. Was hat er getan? Was davon wußte er, daß er tut? Wenn er etwas für mich Unfassbares wußte, daß er es tut, hat er etwas anderes getan, als wenn er genau das nicht wußte. Bedeutet es wirklich viel, daß Schimpansen sich selbst im Spiegel erkennen können? Bedeutet es vielleicht nur vorm Spiegel etwas? Was bedeutet es, daß unter Menschen aufgewachsene Schimpansen beim Bildersortieren von Affen und Menschen ihr eigenes Bild auf den Menschenstapel legen? Schimpansen können sich einer sozialen Gruppe zuordnen. Sie müßen sich selbst im Kopf haben. Aber bedeutet das wirklich viel? Was weiß eine Affenmamma, von der das Kind im Laufe der Zeit Nestbauen lernt? Frau Goodall beschreibt auch: "Jungen, die gute, geduldige, tolerante und unterstützende Mütter haben" haben "einen guten Start ins Leben (...). Die mit den strengeren und vor allem weniger unterstützenden Müttern dagegen sind in der Regel gestresst und nervös". Weiß die Mutter, was sie bewirkt?

Was ist der Unterschied? Jane Goodall meint: "Ich denke, der Hauptunterschied ist unser außerordentlich hochentwickelte Intellekt. Der ist nur deshalb möglich geworden, weil wir und nur wir diese äußerst raffinierte gesprochene Sprache haben. Nur wir können unseren Kindern etwas erzählen über Dinge, die wir nicht sehen, über Dinge, die in der Vergangenheit passierten. Wir können die Zukunft planen und Ideen diskutieren, damit sie sich aus der gesammelten Weisheit einer Gruppe heraus entwickeln können. Das kann kein anderes Tier - nicht einmal Schimpansen oder Wale und Delfine mit ihren raffinierten Kommunikationssystemen. " Sie glaubt also, es liegt am Kommunikationssystem. Und ich glaube, es liegt auch an der Abstraktionsebene.

Also, ich bin jetzt so ein Affe, und ich plane, Termiten zu angeln. Ich weiß nicht, daß ich das plane. Aber ich weiß, daß plane. Also hab ich in meinem Kopf den Termitenhügel und (vielleicht) die Zukunft des Angelns und den Stock, den ich vorbereite. So, jetzt weiß ich auch noch, daß ich Termiten angeln werde. Also habe ich in meinem Kopf noch mich. Dann habe ich die Beziehungen in meinem Kopf von mir, Termitenhügel, Stock, vielleicht auch nur eine Beziehung, alle drei zusammen. "Das Angeln" - das ist aber in der Zukunft - ich bin ja gerade erst auf dem Weg zum Hügel. Nun, ich glaube nicht, daß ich als Affe in dem Moment irgendwas von dem in meinem Kopf habe außer der Beziehung von allen dreien. Und zwar undifferenziert und nicht wissend, daß angestrebt. Ein anderes Experiment mit umgedrehten Bechern und Apfelringen geht auch um drei Becher aber zwei Apfelstücke - nur unter einem Becher liegt kein Apfelstück. Belohnung gibts nur, wenn beide Becher richtig erkannt werden. Die meisten Affen sind, ebenso wie die meisten kleinen Kinder nicht in der Lage, die Mitte auszulassen. Wenn also die beiden Apfelstücke unter den beiden äußeren Bechern liegen, deuten sie dennoch immer als einen der beiden Becher auch auf den in der Mitte. Kinder lernen es und mancher Affe kann es auch. Bedeutet das etwas? Ich glaube, solange kein Gedanke über das Lernen da ist, nicht. Du du du du. Du kannst das. Du willst das. Du darfst das. Du sollst das. Du bist Du bist Du bist. Du bist brav. Du bist durstig. Du bist süß. Du bist klug. Du bist reizend. Wo ist dieses Du? Ich glaube, Kinder verwenden nie "Du" und "Ich" falsch - sie verwenden es erst, wenn sie es gelernt haben. Eigentlich sollte man glauben, daß sie zuerst "Ich" synonym mit "die Mamma" und "du" synonym mit "das Spatzerl" verwenden.

Meine eine Tochter hatte ja als ganz Kleines eine Sprachsymbiose mit mir. Sie hat ungefär so früh angefangen zu sprechen, wie ihre Schwester, mit einem Jahr, aber vollkommen anders. Ihre Schwester sagte einzelne getrennte Hauptwörter, "Ball", "Pappa" - das schöne war, sie sprach sie immer und sofort und ihr Leben lang auch bei Erstverwendung richtig und deutlich aus. Und das andere Kind fing in ganzen (einfachen) Sätzen an zu sprechen. Es ist schade, daß ich das nicht dokumentiert habe. Und ich unterhielt mich mit ihr. So ging das, na ja, in meiner Erinnerung sind es zwei, drei Monate. Es war perfekt. Dann schaut mich eines Tages meine Schwester, die zu der Zeit bie mir lebte, während so eines Gespräches an und fragt: "Verstehst du wirklich, was sie sagt?" Ich fragte dann andere Leute. Niemand sonst konnte sie verstehen. Ich achtete dann darauf, wie das Kind sprach - ja stimmt, ein bißchen undeutlich, aber voll verständlich *ggg*. Ich hab von einem Experiment gelesen, in dem ein Kind auch Sätze der Mutter verstehen konnte, die in einer Sprache gesprochen wurden, die das Kind sonst nie hörte. Es ging um versteckte Gegenstände. Das Kind hatte gelernt, immer, wenn die Mutter fragte: "Wo ist der Ball?- hinter dem Vorhang?" zum Vorhang zu schauen. Die Mutter schaute nicht da hin - nicht mehr in der Phase des Experiments. Und dann fragte die Mutter, natürlich auch ohne zum Vorhang zu sehen"Wo ist der Ball? - behind the Curtain?" und das Kind sah zum Vorhang.

Als ich mit meiner Tochter in Sprachsymbiose lebte, haben wir uns aber immer in die Augen gesehen, beim Verstehen, manchmal glaube ich, wenn ein Gespräch mit einem Satz von ihr anfing, verstand ich den erst nachträglich, als ich sie ansah. Ja, ich erinnere mich dunkel - ich sah sie an, ich war fragend, die Lautfolge lief nochmal in meinem Kopf ab und ich verstand. Ich habs so interpretiert, daß ich das erste Mal nicht richtig zugehört habe. Jetzt glaube ich aber, der Hauptunterschied ist, daß ich das erste Mal nicht hingesehen habe. Ich wollte verstehen. Das ist ganz wichtig. Ich wollte die Symbiose nicht kaputt machen, sie gefiel mir. Ich kuckte, wenn ich was verlangen wollte, wo ich meinte, es könnte ihr nicht passen, immer hin - und ich merkte, wenn es hakte. Und ich merkte, wie weit ich gehen konnte - und wo ich Zugeständnisse machen mußte. Das klingt anders, als es war, denn "Zugeständnisse" und "haken" und "verlangen wollen" gab es nicht. Am ehesten noch "haken". Das war nicht die Art, wie es war. Das habe ich nie unter dem Gesichtspunkt interpretiert. Ich habs versucht, als andere Leute mir sagten, sie tanzt dir auf dem Kopf rum, sie manipuliert dich. Ich hab gesehen, was sie meinten. Aber so war es nicht. Sie hat mich tatsächlich nie manipuliert. Sie wußte, ab einem gewissen Alter, was geschehen würde, mit mir, man kann das auch Vertrauen nennen, aber sie hat nicht gemacht, was sie machte, "um zu", sondern "wissend, daß". Und außerdem war es mit dem Vertrauen auch nicht immer so ideal, weil ich war bei Stress hochexplosiv und das hat sie gar nicht vertragen. Da war dann auch die Kommunikation weg. Und ich hatte viel Stress, nach ihren allerersten Lebensjahren. Diese idealen Situationen, die am Anfang ihres Lebens der Dauerzustand waren, liefen vielleicht unter der Beschreibung "Bewahrung" ab. In diesen Gesprächen, waren wir keine zwei Personen. Ich weiß, das klingt gefährlich. Ich hab sie letzthin auch gefragt, wie die Zeit für sie war. Sie kann sich nicht daran erinnern. Seit sie sich erinnern kann, ist in der VorSchulZeit meine Schwester ihre Hauptbezugsperson. Das hat mich verblüfft, aber stimmt, in der Zeit von sagen wir mal drei bis acht, war meine Schwester viel passender für sie als ich. Das wiederrum hatte ich vergessen.

Meine Schwester ist verläßlich, nicht explosiv und nicht sprunghaft. Sie hat ordentliche Strukturen. Sie kann einen unpersönlichen Rahmen stecken. Sie wiederrum hat allerdings ihrem Sohn, beigebracht, was Schmerzen sind. Der Bub kam mittelschwer behindert auf die Welt. (Ich wenigstens finde, daß es keine leichte Behinderung ist) Als sie eine Diagnose hatten, nannten sie es MCD - heute nennt man das ADSH. Aber keine leichte, richtig heftig. Das hat sich jetzt gelegt, wie es häufig in der Pubertät passiert, er ist ein sehr sehr wunderbares Patenkind. Immer noch viel schneller aufgeregt, als andere Menschen. Doch er hat Mechanismen entwickelt, damit umzugehen, sich vor vorhersehbarer nichtverkraftbarer Aufregung zu schützen und in entstandener Aufregung immer öfter sozialverträglich zu handeln, sich zum Beispiel zurückziehen. Und er hat sein goldenes Herz behalten, oder vielleicht durch dieses schwere Leben entwickelt. Als er geboren wurde, aber, als er krabbeln lernte, zeigte er kein Schmerzverhalten. Er stieß sich wo oder er stürzte, Vorkommnisse, in der jedes andere Kind geweint hätte, doch ihm schien es nicht weh zu tun. Er fuhr in seiner Tätigkeit fort, als sei nichts geschehen. Meine Schwester fing an, in solchen Situationen so auf ihn zuzugehn, als würde es ihm weh tun, als würde er weinen. Sie nahm ihn in der Arm, pustete die verletzte Stelle und sagte: "Oh, das tut aber weh". Nach einer Weile brüllte er bei Stürzen wie andere Kinder auch. Zeitweise wurde er sogar richtig wehleidig. *ggg*. Das fand ich schon damals faszinierend. Hatte das Kind nun vorher schon Schmerzen oder hatte es keine?

Nun, das Kind hatte Transportprobleme, es war bei mir in der Gegend jemand besuchen gewesen, und hat in der übertriebenen Hoffnung, ich würde sie mal schnell die 350km zu ihr nach Hause fahren, bei mir angerufen. Wir haben uns also getroffen, und ich habe sie in Frankfurt in einen Zug gesetzt, das Wochenendticket hatte sie ja schon. Wär Verschwendung gewesen. Zeit und Geld und Nerven. Wir haben uns noch mal darüber unterhalten, daß meine Schwester in ihrer Erinnerung der damaligen Zeit wichtiger ist. Sie meinte: "Sie hat mich gefüttert". Sie meinte "Essen ist wohl für ein kleines Kind wichtiger als SmallTalk". Das ist selektive Erinnerung *ggg* - ich hab sie auch gefüttert. Und nicht nur einmal. Und die Panik war wie immer umsonst. "Du weißt doch, daß du dir um mich keine Sorgen machen musst". Ja sicher. Um 16 jährige muß man sich nie Sorgen machen. Alle Eltern sollten das wissen! (Was ist die Bedeutung von diesem Satz *ggg*). Und im Zug zurück zu mir nach Hause konnte ich dann nochmal "Die Bedeutung von Bedeutung" lesen. Er schreibt nicht über das, was ich meine. Das konnte ich auch mal sehr gut. Erst von der Welt abstrahieren und dann im Abbild die Beziehungen und Gesetze suchen. Und, von Zeit zu Zeit, wenn es passte, eine Rückversicherung von Abbild auf die Welt machen. Die war dann problemlos, denn die Rückversicherungen gingen immer vom Abbild aus, und konnten gar nichts treffen, was ich bei der Abstraktion schon weggelassen hatte.

John Perry in "MySelf and I": "Agent-relative knowledge is knowledge from the perspective of a particular agent. To have this sort of knowledge, the agent need not have an idea of self, or a notion of himself or herself. This sort of knowledge can be expressed by a simple sentence containing a demonstrative for a place or object, and without any term referring to the speaker. For example, \There is an apple" or \that is a toaster".... This then is the rst aspect of self-knowledge, agent-relative knowledge of things that play various roles in our lives. This kind of knowledge is self- knowledge, in that it embodies knowledge of the relations things stand in to the agent; the thoughts are true because of facts about the agent. But it does not require that the agent have an idea of self or a notion of itself."

Eine typische analytisch-philosophische Frage, hundertfach ausgesprochen, hier beispielhaft formuliert von Varol Akman in Relating to Ken Kesey's wise man : "However, when we ask ourselves what is it that we understand, the answer is not obvious. As a matter of fact, thanks to their ironic and metaphorical nature, the wise man's sermons exhibit considerable (poetic) indeterminacy and vagueness. Thus the question: What is really said by Kesey's wise man? What is the message? " Nur so eine Idee, aber ich hab sie auch schon irgendwo mal gehört oder gelesen, vielleicht macht man die Message kaputt, wenn man sucht, was genau sie denn ist. Wie bei einem Schmetterling, den man fängt und in der Hand hält, oder gar präpariert und aufspiest. Oder, wenigstens ist es doch sehr wahrscheinlich, daß man sie verändert.

 

 

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Monika Fürch alias Oskopia Kaleid, 2002