26.April 2002

eine 17stimmige Invention

Der schönste Dialog im Internet war folgender: Einer träumte davon, daß die Welt vielfältiger sei, als wir annähmen. Das es viel mehr gäbe, als uns unsere 5 Sinne erkennen lassen. Stell dir vor, wir haben 17 Sinne. Und er erfand Beispielsätze: "Siebezehnsinnst du den Frühling?" "Ich siebzehsinne eine tiefe Liebe zu dir." - und eine Antwort, die kam, war: "du siebzehnspinnst" *lacht* - die kam von mir, aber das ist unwichtig. Das ist zwei Jahre her, wie man sieht, habe ich es nicht vergessen.

Ich kann mich einfach nicht von der Bedeutung losreißen. (Jetzt nicht, von wegen Reise oder so, inhaltlich). Letzthin habe ich doch zugestimmt, wir könnten nicht durch Introspektion über das Funktionieren unseres Gehirns erfahren. Wir könnten nicht durch Introspektion erfahren, was denn (technische) Bedeutung sei. Technische Bedeutung ist für mich die Bedeutung, die ein Gegenstück in der Welt hat. Und sei es ein Einhorn. Aber wir können durch Introspektion sehr viel über die andere Bedeutung erfahren, die Bedeutung, die es für uns hat. Ich würd die beiden gerne genau trennen. Sicher, ich weiß gaaaanz genau, wovon ich rede - aber wenn ich es erklären will, verschwimmt es. Da stimmt doch was nicht. Die technische Bedeutung wird kommuniziert. Das wird die andere auch. Die technische Bedeutung wird eindeutig kommuniziert. Ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl. Fraglos kommuniziert. Es herrscht unhinterfragte fraglose Einigkeit. Und diese trifft sehr selten auf Situationen, wo sie in Frage gestellt werden muß. Bezüglich der technischen Bedeutung treten selten Mißverständnisse auf. "Ist das da noch ein Stuhl?" - "Die sagen, man kann darauf sitzen, aber für mich sieht es aus, wie abstrakte Kunst" - "Doch, doch, da steht, es ist ein Stuhl." - "Das kann doch nicht gemütlich sein" - "Kuck, da steht, man darf Probesitzen" - "Na gut, man kann drauf sitzen, aber ein Stuhl ist es dennoch nicht." Ich kann gut verstehen, warum Putnam meint, "meaning just isn't in the brain". Doch die Meinung, daß das da kein Stuhl ist, die ist im Kopf. Die Meinung für mich muß nicht konsensfähig sein. Die Meinung für mich muß nicht sprachlich kommunizierbar sein. Die technische Bedeutung muß per Definitionem konsensfähig und fraglos (nicht eindeutig :-) - Inkonsistenzen muß ja keiner merken, wenn keiner fragt) sprachlich kommunizierbar sein. Die technische Bedeutung hat ein VerweisObjekt in der Aussenwelt. Aha. Das stimmt eben nicht immer. Das kanns nicht sein. Die Meinung für mich hat nie ein Verweisobjekt in der Aussenwelt. Nee, so ganz eigentlich hat ja grade nichts ein Verweisobjekt in der Aussenwelt, nur mehr oder weniger. Die technische Bedeutung hat mehr ein Objekt in der Aussenwelt und die Meinung für mich weniger. OK. Über die technische Bedeutung erfahren wir evtl genaueres, wenn wir außen suchen. OK. Über die Meinung für mich, erfahren wir nichts genaueres, wenn wir außen suchen. OK. Über die technische Bedeutung erfahren wir nichts genaueres, wenn wir innen suchen und über die Meinung für mich erfahren wir evtl genaueres, wenn wir innen suchen. OK.

Also, der Überprüfungsbereich der Meinung für mich liegt innen und der der technischen Bedeutung liegt außen. Die technische Bedeutung kann relativ leicht kommuniziert werden, die Meinung für mich relativ schwer. Das ist nicht viel. Eher fast gar nichts mehr als vorher. Vielleicht komm ich wirklich nie drauf.

Aber, Introspektion. Gestern hatte ich es einen Moment, bedeutungslos. Da war auch der Stuhl weg. Ich war ein Biorobot. Und die Farben. Ja, sorry, es war so - ich hätte aber darüber reden können, also die richtigen Bezeichnungen sagen können. Und das war so beeindruckend, daß ich jetzt, als Technikerin in fremden Gefilden, darf ich mir ja jede Spekulationsstufe erlauben, glaube, daß die Sprache gar nichts so Besonderes ist. Nicht die Sprache. Auch natürlich nicht die (technische) Bedeutung der Sprache. Nur die Meinung (für mich), die daran haftet. Das ist für mich jetzt Seelenstrip, weil ich eigentlich gar nichts von Introspektion halte - zur Gewinnung verläßlicher Daten. Man kann sich echt alles einbilden. Sowohl die Bedeutung als auch die Bedeutungslosigkeit :-) .Da wohnt man schon im zweiten Stock, und dann hat man doch Besuch vorm Fenster. Meine Hausleut nutzen jetzt nach einem Jahr endlich das Gerüst, die Fassade zu vervollständigen. Die Fensterln *ggg*. OK, das bild ich mir nicht ein, aber wär ich in einen von ihnen verknallt, mei, was hätt das für eine Bedeutung. *kicher*. Mei o mei. Achja, dieser bedeutungslose Moment. Auch hier komm ich nicht weiter. Vielleicht ist die kreative Phase vorbei, hab ja viel erreicht.

Eines war noch. Ja, die spirituellen Schulen, die suchen alle nach einer Möglichkeit ihren Schülern die Bedeutungslosigkeit beizubringen. Die einen mit jahrzehntelangem Stillsitzen, und durch geregelten Tagesablauf, die anderen, Osho hat das versucht mit den Westlern, durch Stärken ihres Selbstvertrauens und Hinführung zur Akzeptanz ihrer inneren Gegebenheiten (Triebe und, auch kindliche oder 'böse' Gefühle), die anderen durch Selbstbeobachtung. Die schnelleren Methoden sind die von Osho, die aber scheints meist wirkungslos war, bezüglich der Spiritualität, und die von Sri Nisargadatta Maharaj "Wer denkt?". Aber keine der Methoden funktioniert bei jedem - und einige dauern wirklich elendig lang. Osho tat so, wie Lenin in der "Neuen Ökonomischen Politik", das, was überwunden werden soll, muß erst voll eingerichtet werden. Aber was wollen die alle? Was ist das Ziel? Daß die Meinung für mich verschwindet. Sie scheint nicht immer im ausgeleuchteten Bereich zu sein. Sie wird also nicht durch das Bewußtsein alleine festgelegt. Manche sagen, es liegt an der Bewertung. Manches verliert an Macht, wenn man es mitteilt. Für mich verliert es dann auch die Bedeutung (für mich), aber nicht für alle Leute. ach, das wird jetzt alles viel zu durcheinander. Jetzt kommt Konsolidierungsphase. Und der Template Generator.

Aber es ist sooo spannend! Der Blick nach innen - Wahrnehmung und Introspektion, nur die Einleitung, das Buch wirds in der Bibliothek geben.

Oder, aus Selbstreferenz und Selbstbewußtsein: "Doch dieser Einwand ist verfehlt. Der Begriff „Begriff“ ist in einer oft bequemen, oft allerdings auch verschleiernden Weise doppeldeutig. Grob gesagt, ist jemand im Besitz eines Begriffs F , wenn er (unter geeigneten Umständen) Dinge mit der Eigenschaft F von solchen unterscheiden kann, die diese Eigenschaft nicht haben: Ich verfüge über den Begriff des Pferdes, wenn ich Pferde von Kühen, Katzen, Menschen usw. unterscheiden kann. Das ist jedoch nicht dasselbe wie die Fähigkeit einer korrekten Zuordnung sprachlicher Ausdrücke; begriffliche Kompetenz ist nicht dasselbe wie das Vermögen korrekterVerbalisierung. " Vielleicht kann ich mir viel eigenes Denken sparen - aber ich hab jetzt wenigstens eine Vorstellung, worum es geht.

Natürliche Arten, Über Putnam und Locke hinausgehend: "Desweiteren und vielleicht philosophisch interessanter demonstriert der zweite Punkt die semantische These, daß die Bedeutungen der Termini für natürliche Arten in besonderer Weise sich untereinander teildeterminieren. Ich werde also für einen partiellen, semantischen Holismus argumentiert."

Und aus Vier Begründungsbegriffe: "Später habe ich gemerkt, wieviel der gegenwärtigen erkenntnistheoretischen Diskussion durch Gettiers Problem angestoßen wurde, dass Wissen nicht bloß gerechtfertigte wahre Meinung sei, sondern eine noch zu ermittelnde Zusatzbedingung zu erfüllen habe."

Und, vom selben Autor, in Über die Struktur theoretischer Gründe: "Die Proposition A ist ein Grund für die Proposition B genau dann, wenn B unter der Annahme oder der Bedingung A stärker oder fester geglaubt wird als unter der Bedingung non-A; d.h., ein Grund ist fürs Begründete positiv relevant und nichts weiter."

 

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Monika Fürch alias Oskopia Kaleid, 2002