21.April 2002

Seit heut früh um halb sechs sitze ich an der Sanierung der HP, nur um einen Tagebucheintrag zu schreiben. Jetzt ist es fast eins. Und nun habe ich wohl vergessen, um was es mir ging. Aber die Seite ist repariert.

Ich bin aufgewacht und es war noch dunkel. Und ich merkte, ich kann nicht mehr einschlafen - und dann ging mir durch den Kopf, daß Bedeutung Produkt von Arbeitsteilung ist, das Werkzeug Sprache ist ein arbeitseiliges Werkzeug, laut Putnam. Aber es haben nicht alle Dinge eine arbeitsteilige oder gemeinschaftliche Bedeutung, laut mir, manchen Dingen (im weitesten Sinne, auch Geschehnissen oder Empfindungen) geben wir eine ganz persönliche Bedeutung. Und man kann die Bedeutung wieder loslösen von den Dingen. Bei wirklichen Dingen ist das natürlich nicht so schlau, man sollte schon immer wissen, was eine Straßenbahn ist, wenn man in Deutschland wohnen bleiben möchte, bei wirklichen Dingen geht es auch vielleicht gar nicht, mit dem Bedeutung loslösen. Ich kann vielleicht bevor ich überhaupt von Mikrowellengerät gehört habe, nicht wissen, was eines ist, wenn ich ganz plötzlich eines sehe, doch ich werde es wohl nie mehr vergessen können, wenn ich eine Weile ein Mikrowellengerät gehabt habe.

Doch wir geben ja auch "unwirklichen" Dingen eine Bedeutung. Das wars aber nicht, heute früh. Was war es? Ich leg mich nochmal hin, mal sehen, ob es mir wieder einfällt - jetzt, wo ich schreiben kann.

Ja, es fiel mir wieder ein. Und die Bedeutung habe ich ausgelagert, so daß ich mich hier mit den wesentlichen Dingen beschäftigen kann. Mit der Liebe nämlich. Obwohl *ggg* - ich glaube, die beiden sind nicht zu trennen. Irgendwas gefällt mir an der Liebe nicht. Ganz und gar nicht. Dazu muß ich natürlich erst mal ausklamüsern, was daran an mir liegt und nicht am Untersuchungsgegenstand. Da gabs/gibts auch einiges, wird aber immer weniger. Jedenfalls ahne ich jetzt bezüglich dieser innerpersönlichen Resentiments Grund (= Boden unter den Füßen). Das wird verschwinden. So ganz sicher kann ich natürlich nicht wissen, ob ich, als anderer, gut gegründeter Mensch dann immer noch zu dem stehen kann, was ich heute schreibe. Auch die vernünftigste Sache kann sinnlos werden, wenn man sich völlig ändert.

Mir gefällt nicht, daß die Liebe eine Bedeutung hat. Ein einfaches Beispiel: Viele Kinder haben Heimweh oder sehnen sich nach der Mamma, wenn sie länger von zu Hause weg sind. Bei manchen ist länger ein paar Stunden und bei manchen fängt es eben erst bei Tagen an. Das ist egal. Und, Heimweh, Schmerz, Sehnen zu empfinden, wenn der Gegenstand der Liebe nicht anwesend ist, wird als zuverlässiges Zeichen betrachtet, daß die Liebe da ist und daß sie stark ist. Ich war als Kind schwer verunsichert, denn ich hatte nie Heimweh oder Sehnsucht nach irgendjemand. Das habe ich natürlich niemandem gesagt, denn ich wußte, daß das eine tiefliegende psychische Störung bedeutet und daß mich das geradezu zum Unmenschen macht. Eigentlich würde ich es auch heute hier nicht schreiben, wenn nicht ein Mensch, von dem ich weiß, daß sie in ihrer Kindheit sehr geliebt worden ist und das auch so empfand, mir gesagt hätte, mit genau der gleichen Verunsicherung, die ich darüber bei mir empfinde, daß es ihr genauso geht - und auch schon mit 5 Jahren ging. Meine Tochter verreiste damals mit dem Kindergarten - viele der Kinder hatten Heimweh, oder vermißten ihre Mamma. Sie nicht. Dann zogen wir weg, doch einige Monate blieben meine Kinder in Berlin und ich kam nur am Wochenende von Bayern, damit sie mich nicht vergessen, das hat meine Mamma verlangt, die auf sie aufpasste. Das war ihre Bedingung, trotz der 8 Stunden Fahrt einfach, die ganz schön stressig und auch teuer waren. Meine Tochter erzählte mir, sie verstünde nicht, wieso ich diesen Stress auf mich genommen hatte.. Und ich erzählte ihr das mit der Bedingung meiner Mutter und daß ich auch dachte, die Kinder würden mich vielleicht vermißen. Dann sagte sie eben: "Ich hab dich nicht vermisst". Es tat ein bißchen weh, stimmt. Ich erzählte ihr, daß es mir auch so ging und geht, ich vermisse niemanden, denn wenn ich "verreist" bin, sind ja andere Menschen da. Da lachte sie und sagte: "Genau. So ging es mir als ich mit dem Kindergarten verreist war." Das WehTun war schon vorbei - und es war OK, denn ich weiß, daß ich meine Tochter liebe und daß sie mich liebt und daß das schon ihr ganzes Leben so war.

Klar, ist das alles auch familienstrukturmäßig zu erklären. Das funktioniert aber nicht. Ich meine, die können es so erklären, daß ihre Welt wieder in Ordnung ist, und diese FamilienPsychologien der verschiedensten Richtungen haben sicher auch viele Erfolge vorzuweisen - doch bei uns funktioniert das nicht. Es hat keine Bedeutung. Und wir sind nicht bereit (oder fähig), Bedeutung zu generieren. Und dann können die nicht arbeiten. Wir haben auch keine "Abwehr" gegen den Schmerz den Liebe verursachen kann, wenn man z.B. Heimweh hat, also etwas "Unbewußtes", das sie angehen könnten. Oder sagen wir es anders: Ich kenne diese starke Abneigung gegen diesen Schmerz, die man gerne als Abwehr bezeichnen darf, doch sie ist nicht der Grund. Und um das zu beweisen, und weil mich alle starren Strukturen stören, baue ich sie grade ab. Ich weiß, wie das klingt *gggg* - dennoch, ich bleibe dabei, mir gefällt an der Liebe nicht, daß sie eine Bedeutung hat.

Wenn, dann möchte ich eine bedeutungslose Liebe. Sowieso schmerzfrei. Kindchen, Kindchen, werd endlich erwachsen. Nichts im Leben ist ohne Schmerz. Mal gibt es Leid, mal gibt es Freud. Ich glaube das immer noch nicht. Ich glaube, es ist sehr nützlich und kann zu einem sehr zufriedenen Leben führen, wenn man es glaubt. Doch ich glaube, daß es zu glauben nicht der einzige Weg ist zu einem glücklichen Leben. Ich glaube es nicht und bin so glücklich, wie all die Jahre nicht, als ich versucht habe, es zu glauben. Mir hat es nämlich rational eingeleuchtet, daß Erwachsensein ein Akzeptieren dessen bedeutet, daß es in jedem Leben auch Tiefs gibt, Unglück. Konflikte, Schmerz, Streit, sogar unlösbare Situationen. Also hab ich mich an die Arbeit gemacht, als ich mit so um die 40 langsam bereit war, erwachsen zu werden. Und ich hab einiges gefunden, was wirklich sehr kindlich war, so à la: "Die Welt sollte besser sein - und wenn die Welt nicht besser ist, dann verweigere ich mich ihr". Aber das Sonderbare ist, wenn ich das gefunden habe, und akzeptiert habe, dann verschwindet es. Ist einfach weg. Was soll ich denn dann noch akzeptieren? Es ist nichts mehr da! Beispiel: Ich hatte schwerstes Ungemütlichsein mit den Erfolgen meiner Arbeit und mit Geld und mit Leistung. Ich war so totunglücklich, wie noch nie in meinem Leben. Das war für mich völlig erstaunlich, denn ich hatte mein Leben vorher so aufgebaut, daß ich nie auf meine Versagensangst stoßen würde. Und dann traf ich auf sie - und sie war immer da gewesen, sie war der Grund gewesen, daß ich keine Karriere gemacht hatte, nicht machen wollte, ... OK. Und, so eine kindliche Versagensangst ist ziemlich scheußlich.

Und nun verlassen sie mich, die guten Geister. Was soll ich nach Meinung der Rationalpsychologen nun tun, wenn ich erwachsen sein will? Da verstehe ich sie nicht genau - ich weiß nicht recht, was sie meinen, mit akzeptieren. Ich glaube, sie meinen, daß man dennoch tut, was getan werden muß. Weil man ja, z.B. in einer ihrer Sprachen, auch ein ErwachsenenIch hat. Ich habe aber keine zig Ichs. Und auch keine drei. Auf jeden Fall, was ich getan habe, war ... ich weiß nicht, und am Ende war sie als Sperre weg. Die Versagensangst. Sie kommt jetzt immer mal wieder, als richtige heftige Angst, aber sie stört mich nicht mehr. Sie kommt und geht, wie Durst oder Bauchweh. Ich kriege sie voll mit, sie hat mich ganz gepackt, und dann ist sie wieder weg, ohne daß ich mich dagegen wehre. Bin ich jetzt erwachsen? Ich glaube nicht. Nicht nach der Definition der Transaktionsanalyse z.B. - und auch nicht nach Adler. Denn deren Erwachsensein gründet sich auf die Akzeptanz von Problemen, und bei mir verschwinden die Probleme mit der Akzeptanz. Das könnte einfach eine unterschiedliche Bedeutung der selben Sache sein.

Jetzt muß ich den Bogen wieder kriegen, zur Liebe. Wo hab ich sie verlassen? Nein, lassen wir den Bogen noch ne Weile ungeschlossen.

Vielleicht bin ich nicht erwachsen, weil ich solche Sachen schreibe? Denn es ist gesellschaftlich nicht en Vogue, sich seelisch auszuziehen. Also ich weiß, daß man das so interpretieren könnte, als machte ich seelischen Striptease. Mache ich aber nicht *lacht* - das ist auch eine Frage der Bedeutung. Mir ist vollkommen klar, daß das, was ich hier treibe, vollkommen unter die Bedeutung von seelischem Striptease fällt. Seelischer Striptease hat aber noch eine andere Komponente, wie (fast? ) alle Sachen, die eine Bedeutung haben - nämlich, wie es sich anfühlt. Das werd ich ein ander Mal versuchen im Abschnitt "Texte" genauer zu fassen. Jetzt nehm ich das mal als gegeben und verstanden an. Und, das was ich hier mache, fühlt sich für mich nicht wie seelischer Striptease an. (Sondern wie eine Art erflogreiche und behutsame Abmagerungskur in Sachen Bedeutung.) . Nun, dennoch also, obwohl mir die gesellschaftliche Bedeutung von seelischem Striptease und seine gesellschaftliche NichtAkzeptanz bekannt ist, mache ich etwas, was unter diese Bedeutung fällt. Vielleicht bin ich also deswegen nicht erwachsen, weil ich mich nicht an Normen halte, obwohl ich sie verstehe? Das könnte durchaus sein - meine Definition von Erwachsensein ist allerdings eine weitaus Hehrere: zu tun, was man für richtig hält, es möglichst "glatt" zu tun für alle Beteiligten, wohl wissend und akzeptierend, wie es wirkt. Also, es zu tun, selbst wenn man dafür in den Himmel gelobt werden wird und es auch zu tun, selbst wenn einem dafür das Schrecklichste auf der Welt passiert - und das Schrecklichste auf der Welt ist für mich zum Beispiel unter anderem, nicht verstanden zu werden. Auf jeden Fall bin ich mir intuitiv sicher, daß die Bedeutung leiderzeugend ist. Wie genau weiß ich noch nicht. Ob immer auch nicht. Wenn das Wort "Stuhl" tatsächlich eine Bedeutung hat, immer, wenn ich es verwende, dann ist es wohl in den seltensten Fällen leiderzeugend. Ich baue also für mich ganz absichtlich und bewußt die Bedeutung ab, weil ich der Meinung bin, daß sie, wenigstens im innermenschlichen und zwischenmenschlichen Bereich die Hauptursache, vielleicht sogar die Einzige, für Leid ist. Und ich mache dies öffentlich, weil es auf mich dann intensiver wirkt. Ausserdem versteht es vielleicht doch irgendein anderer Mensch. *lacht*. Noch jemand, ausser BilboB, der würde es glaube ich selber schreiben können.

Und jetzt der Bogen. Für was hab ich das alles gebraucht? Klar, wenn Bedeutung grundsätzlich leiderzeugend ist, dann eine Liebe ohne Bedeutung - doch von dieser Intuition her will ich es nicht beschreiben, ich will es schon vom konkreten Thema, der Liebe her beschreiben. Das Dumme ist, daß es schon ein ganzes Stückchen weit geklappt hat. Ich verliere ständig die Bedeutungen. Und was Liebe ist, hab ich eh nie gewußt. Also, ich mein, als Gefühl erkannt schon, doch ich hab nie verstanden, wieso die Menschen traurig sind, wenn der/die/das weg ist, was sie lieben. Bei Tod, vielleicht. Ja. Als die Kirche abgebrannt ist, hab ich geweint, da war ich traurig. Niemand, den ich lieb(t)e, ist gestorben. Als eine Person, die ich liebe, schwer litt, war ich sehr traurig. Aber das ist es ja nicht alleine, was die gesellschaftliche Meinung von Liebe ist. "ohne dich kann ich nicht sein" "mein herz ist so schwer, wenn du nicht bei mir bist". Ich steh da, wie Mr Spock und kucke "Hä?" - müßt ich das alles lernen, um ein Mensch zu sein. "Wusu denn blus?" um mit Astrid Lindgren (in Ronja Räubertochter) zu sprechen.

Einmal, als ich 15 war, war ich traurig, als jemand wegzog, in den ich verliebt war. Dann haben wir den besucht, meine ganze Family bis auf den Vater, der mußte arbeiten, und dann, ich weiß nicht was passiert ist, das Verliebtsein war nicht weg (obwohl es eine jugendliche Schwärmerei für eine vollkommen ungeeignete Person war), doch die Traurigkeit war weg. Ich glaube, ich hab gesehen, daß die Welt nicht an meinem Heimatort aufhört. Und, dieser Mensch war so völlig ungeeignet als "wirklicher" Partner, das es eigentlich egal war, ob er im selben Ort wohnte und meine Eltern alle zwei Monate einmal besuchte oder 200 km entfernt. Tatsächlich habe ich ihn danach nie wieder gesehen - doch einmal *ggg*, da kam er meine Eltern besuchen und hatte einen Knopf verloren und gab mir die Ehre ihn annähen zu dürfen - auf so eklige erwachsenengrinsende Art - der Knopf war danach dran, das Verliebtsein war ab - vielleicht war das ja die Absicht, die haben sich alle so angegrinst, vor allem mein Vater und er. Dummes Volk!

Ich glaube, Trauer ist kein Leid. Ich glaube, Trauer ist bedeutungslos und Leid ist bedeutend. Als die Kirche abbrannte (das ist das beste Beispiel, weil ich einfach keinerlei unbewußte Abwehr gegen Liebe oder so bezüglich dieser Kirche hatte - ich liebte einfach ihren Anblick - ich sah sie drei Jahre täglich bei jedem Blick aus dem Fenster - ob sie schön war, darüber kann man sich streiten, ich auf jeden Fall liebte ihre klaren Formen) war ich einfach traurig. Das hatte keinerlei Bedeutung. Das dauerte heftig zwei Stunden und dann hab ich mich noch ein paar Tage mit ihr beschäftigt mit hie und da weinen, und mit Leuten, die sie auch kannten über sie gesprochen (ich war schon weggezogen gewesen) und Fotos rausgesucht und meine Kinder waren auch sehr traurig gewesen, die hatten dort auch sehr gerne gelebt - und dann kam noch so ein paar Monate lang, wenn ich daran dachte, diese große Traurigkeit, mit fast Tränen - und dann war ein paar Jahre lang nur noch Traurigkeit ohne Tränen, wenn ich an sie dachte und jetzt ist es weg. Ein ganz klein bißchen Wehmut ist noch da. Ich hab mir nie die Frage gestellt, ob ich leide. Es war halt so und wie es war, das bewirkte Tränen. Ich hab nicht gelitten, ich hab geweint und ich war traurig. Das war alles. Es hatte nie Bedeutung.

Leid wird nur durch Bedeutung erzeugt. Ich bin sicher. Ich habe die Autobiographie von Waris Dirie "Wüstenblume" gelesen, die "Beschneidung", die man ihr mit 5 Jahren zufügte, gehört mit zu dem körperlich grausamsten, was ich mir vorstellen kann. In einem gewissen Sinne litt Waris daran - so wie man an grausamen Schmerzen leidet. Doch es gibt noch einen anderen Aspekt von Leid, den hat Waris nicht erfahren. Und das ist der, der ich meine, das durch Bedeutung erzeugt wird. Selbstverständlich wird das gesamte Leid der weiblichen Genitalverstümmelung durch gesellschaftliche Bedeutung erzeugt, doch das ist nicht der Aspekt, auf den ich im Moment hinauswill. Sie hat nicht an ihren Eltern gezweifelt. Sie hat nicht an sich gezweifelt. Sie kann heute gegen die gesellschaftliche Einrichtung der Genitalverstümmelung kämpfen. Ich glaube, sie hat grausame Schmerzen erfahren, doch kein psychisches Trauma. Wenn ich im folgenden von Leid spreche, meine ich den Aspekt, von dem ich glaube, das Waris ihn nicht erfahren hat. Das ist die Form von Leid, die hierzulande ein ebenfalls 5 jähriges Kind bei gar keinen körperlichen Schmerzen erfahren kann, z.B. dann, wenn es von den Eltern, in einer schutzlosen (ungeschützten) Position ausgelacht oder aus für das Kind vollkommen unverständlichen Gründen lieblos ausgeschimpft und entwertet wird. All dies kann nur mit Bedeutung zu tun haben. Für die Menschen, die glauben, Bedeutung wäre überall, ist das natürlich kein Wunder. Ich meine mit Bedeutung auch im folgenden (vielleicht auch schon vorher, an Stellen, an denen es unklar war) die Bedeutung, die es "für einen" hat. Also gerade nicht die Extension. Die ist nur logisch interessant. Und ausserdem vollkommen witzlos. Die Bedeutungsphilosophen hängen sich an einem "Einhorn" auf und fragen nach seiner Extension, wo es doch nie ein Einhorn gegeben hat - aber ich hab noch nie gelesen (was nichts heißen soll, das es nicht geschrieben ist), daß sie sich nach der Extension von "Zuneigung", "kaltem Krieg", "Konflikt", "unklare Situation", und noch viel schwierigerer Ausdrücke gefragt haben. Da kann es nur Probleme geben, einige dieser Ausdrücke sind hauptsächlich überhaupt nicht extensional.

Und wieder der Bogen. (mathematisch, nicht kriegerisch - wär ein schöner Teekessel, Andrea?). Also, was war heute früh, als es noch dunkel war und ich nicht wieder einschlafen konnte. Ich hab mich gefragt, welche Liebe ich als 5 jähriges Kind hätte haben wollen. Und die Antwort war: Gar keine. Beständigkeit, Freundlichkeit, Zuwendung, wenn sie nötig war, Akzeptanz, Verständnis (nicht im *grusel*weich-Sinn, "wir verstehen dich doch", nein, einfach ruhiges Verständnis, daß irgendwas grade entsetzlich ist, oder spannend oder unverständlich, ohne es mir abnehmen zu wollen), aber keine Liebe. Und dann hätte ich mich wohl gefühlt, sicher, ich hätte mich "geliebt" gefühlt. Und ich hätte mein Leben geliebt. Bedeutungslos. So habe ich immer Dinge gesucht, die man lieben kann, bedeutungsvolle Dinge. Forget it! Und das gute, an meinen Eltern war, FamilienStrukturTherapeuten aufgepasst, daß sie mir auch gar keine Liebe gegeben haben. Sie haben mich nicht mit irgendeiner Form von "Liebe" verseucht. Sie waren da. Sie waren beständig. Sie waren leider nicht verständig. Sie waren nicht immer freundlich. Sie hatten wenig Zeit für Zuwendung. Aber sie haben ihre Fehler nicht mit "Liebe" vergiftet. Anders gesagt: Sie hatten mir zu wenig von dem gegeben, was ich haben wollte, aber es zum Glück nicht mit etwas kaschiert/versüßt/verklebt, was ich niemals haben wollte. ( Jaja, ich weiß, der Fuchs und die Trauben *ggg* - warten wir's ab, ich glaubs nimmer)

Ja, ich komme nicht um die Bedeutung herum. Ich kann sie einfach nicht weglassen. Ob ich es nochmal versuchen soll? Ich versuchs. Ich glaube, "Liebe" gibts nicht. Ich weiß, manchmal, daß ich liebe, dennoch, ich glaube, "Liebe" gibts nicht. Wie soll das gehen? Ich glaube, Liebe ist die "Bedeutung" (Mist, schon wieder), von einem als sicher wiederholbaren Zustand einer Person oder einer Situation gegenüber, in dem wir uns zutiefst wohlfühlen. Ich glaube "lieben" ist nicht intentional, ich glaube, es ist ein Gerücht, daß "lieben" ein Objekt hat. Zum Glück gibts keine Scheiterhaufen mehr - sonst würde ich nie erfahren, ob ich Recht habe, denn dann wär mein Leben demnächst zu Ende. Ich glaube, "lieben" ist ein Zustand. Und zwar kein auf irgendetwas gerichteter. Das hat natürlich gravierende Nachteile. Denn damit setze ich mich (schon wieder) ins gesellschaftliche Abseits. Ich glaube etwas, was die allermeisten Leute nicht glauben. Und das noch in einem der allerwichtigsten Gebiete, vielleicht dem wichtigsten, sowohl für diese allermeisten Leute mit einer anderen Meinung, als auch für mich. Vielleicht sogar aus den gleichen Gründen, aber mit einer jeweils anderen Begründung.

Wieso ist diese Ansicht gesellschaftlich so verpönt? Sie bedeutet (AUA, schon wieder), daß man sich des Objekts der Liebe (in Wirklichkeit natürlich des Subjekts, das einen selber lieben soll) nicht sicher sein kann. Ich denk dauernd an Rosie und Bernd. Die sind für mich der Maßstab einer funktionierenden, wirklichen Liebe. Oder meine Schwestern. Da klappt das auch. Und ich will nix schreiben, was für diese drei Paare falsch sein könnte. Ich bin mir sicher, alle drei haben beides: Das, was ich als "lieben" bezeichne und die Liebe als Bedeutung. Ich weiß nicht, in welchem Maße sie die Bedeutung haben, je nach Paar wohl mehr oder weniger stark ausgeprägt. Es ist wichtig, daß man sich des Gegenstandes der Liebe sicher ist. Dazu muß natürlich allerhand an gemeinsamen Normen, Werten, Unsicherheiten, Abhängigkeiten ausgetauscht und sich gegenseitig versichert werden. Die "Liebe", diese Versicherung, ist kein objektives Hindernis gegen das "lieben", doch sie ist ein Ausdruck eines subjektiven Hindernisses. Solange die Versicherung nötig ist, ist der interne Zustand des "liebens" nicht ganz zu erreichen, diese Notwendigkeit ist ein Hinweis darauf, daß der Zustand des "liebens" abgesichert werden muß. Moni träum weiter - man muß sich immer schützen.

Moni glaubt, daß alles Leid der Welt vom Schutz kommt. Ja, aber ... sieht sie denn nicht, schon in frühester Zeit mußte man sich gegen Raubtiere und gegen Hunger schützen, später, zu Zeiten von Völkerwanderungen gegen Übergriffe anderere Menschen. In Zeiten des Mangels muß man sich schützen. Ich glaube, man kann einen Stammeskrieg führen, sich gegen ein Raubtier verteidigen, im Kampf verletzt werden, im Kampf töten oder eine Hungersnot überleben ohne Leid (nicht ohne Schmerz). Ich glaube, man kann auch sterben, ohne Leid. Ich halte es für nicht in vernünftigem Maße sicher, daß wir dem Lebensverständnis der damaligen Kulturen gerecht werden, wenn wir mit unserer heutigen gesellschaftlichen Angst vor dem Tod (die nicht meine ist), als allgemeinmenschliche Gegebenheit die Angelegenheiten früherer Gesellschaftsformen untersuchen. Ich halte es für legitim, das zu bezweifeln. Selbstverständlich halte ich es auch nicht für legitim, das Gegenteil zu behaupten. Der Zweifel reicht aber, dies Argument als ungesichert auszuhebeln. Der Schutz ist innen - wir haben ihn mit einer Bedeutung versehen, die nicht notwendig ist. Und das werd ich ausprobieren. Anders kann man das nicht rausfinden.

Gute Nacht

 

 

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Monika Fürch alias Oskopia Kaleid, 2002