16.Mai 2002

Die Wirklichkeit besetzt

Die Überschrift trifft es nicht so ganz, was ich schreiben möchte.

Lokal, 5 Leute, 4 davon ähnliche gesellschaftlich-soziale Stellung, einer anderes Fachgebiet (auch geistes/sozialwissenschaftlich), ich die 5. Person. Eine etwas unglückliche Position, um eine Anaylse der Situation zu schreiben, die nicht einfachst durch ein persönliches Scheinargument ausgehebelt werden kann, aber was solls, ich versuchs mal.

Geht mir jetzt seit 2 Tagen im Kopf rum. Irgendwas war da. Was ganz komisches. Erst mal das einfachste:

Vorlesung als Theater

"Sind die Studenten bei Ihnen auch so tief gesunken, daß sie Skripte von Ihnen verlangen?" - wie der Satz gemeint war, weiß ich nicht, ob mehr als Kommunikationsangebot oder inhaltlich völlig ernst. Das Kommunikationsangebot wurde auf jeden Fall nicht angenommen. Obwohl es inhaltlich optimal gewählt war. "Sie (die Studenten) schlagen mir vor, ich soll extra betonen, welche Begriffe in der Vorlesung wichtig sind". "Wenn man da als Alleinunterhalter vorne steht und 90 Minuten die Zeit füllen muß". DAS war der Satz, der rotiert hatte, ohne, daß ich es erst merkte. Wieso ist das eine Bühne? Für die Techniker ist es keine Bühne. Die Techniker halten Vorlesungen ohne den Theateraspekt - die vermitteln WISSEN. Schreib ich jetzt böse, oder bleib ich sachlich? Ich schreib böse :-) - ich hab nur meine Intuition, mir gehen die Kenntnisse über Untersuchungen ab - müßte es aber geben, nach Kuhn. (Ich meine, zeitlich nach Kuhn - da werden doch wohl hoffentlich Studien ausgeführt worden sein).

Es wurden Beispiele vom sozialen akademischen Leben erzählt, die alle auf eine wenigstens mißglückte Kommunikation hinwiesen - Mentoren, die Zusagen nicht einhielten, einmal sogar so spät absagten, daß eine Korrektur der Situation durch den davon beruflich stark Betroffenen nicht mehr möglich war - und diese Konsequenzen sind natürlich allen Beteiligten von vorneherein bekannt. Die Zusagen wurden gleichzeitig auf eine Art abgelehnt, die den zwischenmenschlichen Aspekt nicht berücksichtigen, was folgerichtig ist, da es sich nicht um gemeinsame Ziele handelt. Ich bin nicht für Händchenhalten um des HändchenhaltensWillens - nicht in der Arbeitswelt.

Das zeigt aber eine Einstellung an, die eine Fortsetzung der für die Vorlesung geschilderten Situation ist - im Gegensatz zu den Technikern (ich habe es dort vor 15 Jahren erlebt und für moderne Hochschule selbstverständlich empfunden, und ich erlebe es jetzt wieder, allerdings als Technikbereichsspezifisch) vermittelt die geisteswissenschaftliche Vorlesung nicht im Wesentlichen Wissen, sondern Sozialisation. Und zwar Sozialisation der Vereinzelung. Nicht gleich protestieren - Händchenhalten ist nicht die einzige Alternative dazu (und nicht mal eine gute, wie ich finde). Um eine andere zu skizzieren, muß ich aber erst mal beschreiben, was meiner Meinung nach die Lage ist:

Der gesamte Wissenschaftsbetrieb (auch der technisch/naturwissenschaftliche Bereich) enthält die Komponente "Sozialisation an den Wissenschaftsbereich" - man muß Papers schreiben, man muß die richtigen Themen wählen, man muß die richtigen Fragen stellen, die richtigen Tagungen besuchen, usw. - das ist nichts, was ich hier kritisieren will, das funktioniert ja soweit ganz gut. Doch der geisteswissenschaftliche Bereich enthält zusätzlich den Theateraspekt und den Vereinzelungsaspekt (man sagt zwar immer, die Techniker wären soziale Zombies, aber das stimmt nicht - mit einem Techniker kommt man immer aus - wenn man nicht Betüttelung erwartet). Warum? Wieso ist ein Skript in einer technischen Vorlesung _selbstverständlich_! und in einer geisteswissenschaftlichen _eine Zumutung_, ein _tief gesunken sein_? Ich weiß es nicht. Ich halte es aber für nicht zeitgemäß - jedes mittlere Unternehmen beschäftigt sich mit Mitarbeiterführung, Mitarbeitermotivation und bezieht mit ein, wie die sozialen Strukturen und die persönliche Einstellung jedes Einzelnen den Unternehmenserfolg als ganzes beeinflußen - und die Philosophen nennen das: "Händchen halten" (oder weniger polemisch: "An die Hand nehmen"). Sie tun so, als wäre es eine Zumutung, darauf einzugehen, _wie_ und in welchen Kontexten Menschen lernen und Bestleistungen erbringen. Irgendwo liegt es vielleicht an dem mysthischen: "Sich eigene Gedanken machen". Nix dagegen :-) - aber die Grundlagen, die Begriffe sind das technische Rüstzeug des Fachgebietes. Und darüber muß man sich einfach keine eigenen Gedanken machen, die muß man _lernen_. Ich hab drei Semester gebraucht, bis ich begriffen habe, daß alles, was erzählt wird, auch wenn es aus neueren Artikeln stammt, historisch ist - es werden Konzepte vorgestellt, die so nicht funktionieren und von denen man das weiß. Ich würde das Philosophiestudium (Logik/Sprachphilosophie/PdG/Wissenschaftsphilosophie/Erkenntnislehre) technisch aufziehen. Na, auf jeden Fall lernen Informatiker auch die verschiedenen vergangenen Datenbankkonzepte, was ihre Prinzipien sind und ihre Schwächen, und dann geht es zum aktuellen Stand über - und damit wird dann die meiste Zeit verbracht.. Und da wird nix mysthifiziert, da muß man nicht selber die hierarchischen Datenbanken studieren und die "alten" Schriften lesen. Da wird gesagt: So und so isses, das ging nicht so gut deswegen und dafür gibt es eben ein Skript und dann kann man zu lohnenderem übergehen.

OK - wer ein Skript will, ist also tief gesunken. Ich will ein Skript. Ich bin also tief gesunken. Das ist unproduktiv. Also - hab ich was falsch verstanden. Da ich ein Skript will, verstehe ich nicht, um was es geht. Philosophie kann man nicht mit Skript lernen, nicht mal die analytische. Wer ein Skript fordert (oder ähnliche abstruse Forderungen erhebt) beweist damit, daß er nicht weiß, worum es geht - beweist dadurch daß er kein Philosoph ist. So wie jemand, der auf eine Zitrone deutet und fragt, "Ist das ein Tiger" beweist, daß er keine Ahnung von Tigern hat (nach Putnam). Aha. Ich glaube, das stimmt. Ich fordere ein Skript, ich habe keine Ahnung von Philosophie. Und drum werde ich gehen. Ich geh ja auch nicht in die Kirche und sag während der Eucharistefeier: "Alles Humbug". Wer nicht an die Wandlung glaubt, muß ja auch nicht zur Kommunion gehen. Schade, daß einen sowohl die Christen als auch die Philosophen immer so ungemütlich ankucken, wenn man sagt, daß man nicht zur Eucharistie geht und daß man ein Skript will. Schade, daß das jeglicher Argumentation entzogen ist. Bei der Eucharistie ist es natürlich klar, das beruht zugegebenermaßen auf Glauben. Und der Umkehrschluß, daß alles, über das man nicht reden darf, auf Glauben beruht, ist mit Sicherheit kein gültiger Schluß. Richtig mag es in jedem Einzelfall sein.

Ich behaupte, daß man im Philosophiestudium in erster Linie sozialisiert wird. Und zwar zu einem nicht mehr zeitgemäßen Verhalten. Ich behaupte, daß der Mythos von der Besonderheit (als Andersartigkeit) des Geistes, den die analytische Philosophie durch die Naturalisierung des Geistes den Boden entziehen will, in den Strukturen der Forschungsgemeinschaft fortbesteht und bewahrt wird.

Ich habs also nicht hingekriegt - ich konnte nicht deutlicher beschreiben, wieso und wie sie Vereinzelung und Theater sozialisieren. Aber die versprochene Alternative zum Händchenhalten kann ich doch skizzieren: Sobald man die Fertigkeiten (oder Einstellungen), die man vermitteln will nicht mehr vorraussetzt, sondern zugesteht, daß man sie vermitteln will, und daß es Fertigkeiten, Kenntnisse und Einstellungen sind, kann man unpersönlich die Techniken anwenden, die zur Vermittlung dieser Fertigkeiten, Kenntnisse und Einstellungen geeignet sind. Das muß nicht die als erwartet unterstellte Technik des Händchenhaltens sein. Aber ich beweg mich im Kreis - möglicherweise _WILL_ die Philosophie gerade die Einstellung vermitteln, daß man Einzelkämpfer ist - und die einzige Alternative dazu, und eine unproduktive dafür noch dazu, ist das Händchenhalten. Wenn sie das will, ist sie eine der letzten autoritären Hochburgen. Die meisten anderen gesellschaftlichen Bereiche haben sich entweder in die Beliebigkeit aufgeweicht, oder in "Team". Und "Team" ist was anderes als Händchenhalten. Team beachtet die gemeinsamen Ziele, setzt sie auch eventuell, kommuniziert sie aber relativ deutlich und arbeitet offen und ehrlich auf die Teamfähigkeit der Teammitglieder hin. Also darauf, daß die Ziele von allen Teammitgliedern zureichend geteilt werden (was nach den modernen Paradigmen am einfachsten geht, wenn sie offen kommuniziert werden) und darauf, daß die Fertigkeiten möglichst schnell und schmerzlos erlernt werden. Händchenhalten erübrigt sich in einer nicht restriktiven Umgebung.

Dann das zweiteinfachste:

kalte Auberginen versus Totschlagargumente

Ich, nach dem fragend geäußerten Vorsatz, daß ich es jetzt provokant formuliere, was durch Nicken akzeptiert wurde: "Woher nehmen Sie das logische Recht, eine Abbildfunktion vom EinzelRepräsentat (im Kopf) zum Einzelrepräsentandum (in der Welt) zu postulieren" - Antwort: "Da haben wir ja eine richtige Konstruktivistin". Der Protest von mir war nur formal - ich hatte keine Aussichten mehr auf eine rationale Antwort und ich wußte es. Ich glaube immer noch, daß es andere Möglichkeiten der Relationen zwischen Repräsentat und Repräsentandum gibt, also weniger starke, ohne daß man die bestehenden Beziehungen zwischen Welt und Gedanken gleich als "nützliche Illusion" jeder Untersuchung entzieht. Aber Konstruktivistin zu sein ist natürlich ganz und gar nicht pc. Ii, bäh, bäh. Und, selbst wenn meine Frage wirklich _dumm_ ist, kann ja sein, ich habe ja noch nicht viel gelesen, hätte ich eine dumme Frage einem Techniker gestellt, hätte ich keine historische Antwort bekommen, "ach, Hierarchisiererin", (die Informatiker haben überhaupt keinen Begriff um Leute zu kennzeichnen, die auf hierarchische Datenbanken stehen), sondern eine inhaltliche. Ich hätte erklärt bekommen, daß mir etwas an Wissen fehlt - und wenn ich Glück gehabt hätte, hätte ich sogar kurz skizziert bekommen, was.

Das schönste aber war, und alleine dafür hätte sich der ganze Abend gelohnt, das wirklich Schöne waren die kalten Auberginen. Nein - nicht, wenn ich sie hätte essen müßen :-) . Es waren nicht meine Auberginen. Ich mag die nicht mal warm. Ein Essen fehlte noch. Wir warten mit vollen Tellern bis es kommt. Die Wartezeit wird ungewöhnlich lang, und natürlich wird es so geregelt, daß wir anfangen "dürfen" zu essen. Der Mann neben mir wartet als einziger weiter - er hat gebratene Auberginen auf dem Teller (also mit Fett). Ich (ungefär) - "Wenn die kalt sind, schmecken sie gar nicht mehr" - er, unbeschreiblich, weil man den Ton nicht schreiben kann: "Ich warte noch. Ich weiß, daß sie mir schmecken. Ich habs schon erlebt" - eine der schönsten Antworten, die ich in meinem Leben bekommen habe. Völlig ruhig, ohne Spott, ohne Flirt, ohne Verteidigung, ohne Belehrung, ohne Besonnenheit, ohne Aggression, ohne Witz, nicht mal heiter. Einfach so.

Und jetzt das schwierigste:

beziehungsgefüge

die Überschrift "die Wirklichkeit besetzt" stimmt nicht, es handelt sich nur um einen Teilbereich der Wirklichkeit - und zum Glück um einen, der mir nicht mehr so wichtig ist. Was mich daran interessiert, ist nicht das besetzte Gebiet freizubekommen, sondern die Besatzung. Ich bin selten in einem Kreis von Leuten, wo ich mich so unwohl fühle. Sowas tut man sich ja auch selten an. Aber es ist gut, das zu beobachten. Früher hätte ich es nicht beobachten gekonnt, früher erwartete ich "Händchenhalten" - und, mein ganzes Unwohlsein hätte und habe ich darauf geschoben, daß ich es nicht bekam.

Ich muß mir sowas öfter ansehen. Wie stellen Menschen, einander teilweise fremde Menschen, einen sozialen Konsens her. Es hat nicht geklappt, diesen Abend. Also, es war kein Fiasko, und es war interessant und nett, aber es entstand kein gemeinsamer Abend. Ich hätte das vor 2 Jahren nicht schreiben können, da damals das einzige, was ich mir unter einem gemeinsamen Abend vorstellen konnte, eben soziales Händchenhalten gewesen wäre. Was wären Beschreibungen des Abends aus meiner Sicht?

Es fand soziales Händchenhalten statt, in der Gruppe mit dem gemeinsamen Fachgebiet. Über was redet man dann, um die Fachgrenzen zu überwinden. Über die gemeinsame Arbeitsstelle. Und das hat mich eben so verblüfft, das konnte ich ja als Aussenstehende beobachten - das hat nicht geklappt. Es fanden mehrere neutrale Kommunikationsangebote vom Fachlichen Aussenseiter statt, die eben dieses Standardthema zum Inhalt hatten. Sie verliefen im Sande. Höfliche Repliken, aber es kam kein Gespräch zu Stande. Das war der Auberginenmann. Und ebenso ruhig, wie er über Auberginen reden kann, hat er auch diese Kommunikationsangebote gemacht. Dann hat er es anders versucht - nämlich mit ein wenig Gefühl - so ein bißchen Lebhaftigkeit und einer winzigen Prise Empörung - der Satz "Sind die Studenten bei Ihnen auch so tief gesunken, daß sie Skripte von Ihnen verlangen?" stammt auch von ihm. Boing. Alles, was du aussendest, kehrt zu dir zurück. Sagen die Esoteriker. *ggg*. Da kam zum Glück nix schlimmes zu ihm zurück. Es waren zwei Menschen in der Runde, die versucht haben, eine Kommunikation zu fünft zu Stande zu bringen. Das waren der Auberginenmann und ich. Wir waren zufällig auch die Aussenseiter - ich glaube, das ist wirklich ein Zufall. Er ist Kollege mit einem der Dreiergruppe. Er ist Jugendfreund von einem anderen der Dreiergruppe. Ich weiß ein ganz kleines bißchen was von dem Fachgebiet der Dreiergruppe. Ich könnte mich mit der mir bis dato unbekannten Frau subtil Frauensozialisationsmäßig annäheren (hat nicht geklappt! Da hab ich aber schon fertige Philosophinnen getroffen, bei denen das klappt, na gut, eine nur, aber mit der wäre der Abend kommunikativ wahrscheinlich erfolgreicher verlaufen). Es ist der totale Frust. Sind die Zielsetzungen verschieden? Ist die Erwartung, daß man in einer Runde auch versucht Runde zu werden, nur eine Verschiebung der Händchenhalterwarung? Glauben tu ich es ja nicht, aber sein könnte es schon.

Und das bescheuerte ist, eine Person aus der Dreiergruppe, die hat das gleiche Boing erlebt, allerdings an der Innenseite der Wand. (Wie sie es erlebt hat, weiß ich nicht - ist eine Beschreibung von aussen). Folgendes: Diese Person erzählte einiges, was hochkommunikativ ist, aber sie erzählte es nur bis zur Wand. Ich glaub, ich kuck mir sowas öfter an, mit anderen Kreisen. Fremde Leute - oh ja, als mich die Vermieter zum Geburtstag eingeladen haben, da waren über zehn Leute, die sich gut kannten, und ich war dort wirklich fremd, mit allem,was ich bin. Ich hab mich da 5 Minuten fremd gefühlt. Und hatte niemals das Händchenhaltengefühl (also keiner machte emotionale Übergriffe) noch das Händchenhaltbedürfnis. Bei Rosie, wo sich wiederrum viele Leute nicht kennen. Es findet Gruppenkommunikation statt. Es muß entweder an den jeweils einzelnen Menschen an diesem Tisch liegen, aber ich glaube, es ist weiter verbreitet, die heutigen Philosophen sind ein anachronistischer Menschenschlag.

Ja, und meine Techniken sind natürlich nicht so gut. Ich hab nur zwei. Die eine, ist die emotionale Ebene zu verstärken, das ist kontraproduktiv. Sagt mir wenigstens meine Intuition - jegliche Emotion ist Bäh. Und die andere ist fachlich/inhaltlich. Das klappt für zweiergespräche, ist aber nicht rundenfördernd. Ich würd dem Auberginenmann gerne was abkucken :-) .

 

 

 

 

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Monika Fürch alias Oskopia Kaleid, 2002