06.Mai 2002

Nenn keine Namen

Das wird jetzt schwierig zu beschreiben. Und drum wohl lang. Hab nicht die Zeit für einen kurzen Eintrag.

Vielleicht ist ein Stuhl ein Stuhl ein Stuhl. Doch ich glaube es nicht, denn ich sehe nicht, wie es logisch gehen könnte. Bei einem Stuhl macht es aber auch nichts, ihn zu benennen und damit zu beschränken. Bei allem, was wir innerhalb des Begriffes benutzen wollen, ist Benennung genau das Mittel der Wahl.

Doch eine Depression ist keine Depression ist keine Depression und eine Lust ist keine Lust ist keine Lust und eine Panik ist keine Panik ist keine Panik usw. .Das ist der Hauptfaden in Worten.

Ein Metagespinnst: Hab ich wirklich dieses fast einzigartige Glück, rauszufinden, was die Kräfte des Bindungsspiels sind? Oder ist es nur meine Frage? Es ist die Frage meines Lebens - das weiß ich jetzt - deswegen muß es aber nicht für andere Leute auch die Frage ihres Lebens sein, ja muß es für sie nicht einmal eine Frage ihres Lebens geben. Es ist die Frage meines Lebens - und jetzt, wo ich sie kenne und wahrscheinlich sogar formulieren könnte, jetzt weiß ich noch nicht die Antwort, wie ich mal gedacht habe, daß mit der Frage die Antwort wohl kommen wird - jetzt aber weiß ich daß ich die Antwort finden werde - daß ich auf der richtigen Spur bin. Leute wie Grov (als Bekannter) oder Ralph Strauch (als weniger Bekannter) sind auf ähnlichen Wegen. Grov aber bleibt im Spiel, Strauch ("Das Geheimnis des Zentauren oder The Reality Illusion") muß ich nochmal lesen. Grov und alle, die auf bindende und strukturbildende Prozesse mit Namen referrieren, auch z.B. bei Drogenerfahrungen, bleiben im Spiel - vielleicht verlassen sie das Bindungsspiel, das kann sein, doch sie bleiben im Bedeutungsspiel, sie ordnen sich nur in eine andere Bedeutungsstruktur ein.

Es sind natürlich die Affen, weshalb ich glaube, daß man ausbrechen kann, ohne zu sterben. Eigentlich halte ich es für wirklich verrückt. Es ist schlimmer als Kevin allein zu Haus oder alleine gegen die Mafia - es ist alleine gegen mehrere Tausend Jahre Menschheitsgeschichte. Nicht, daß mir DAS was bedeutete, zum Glück nicht, doch ich finde es ist eine Frage wert: Können tausend Fliegen irren? Nein, im Ernst, es sind keine Fliegen und es ist kein Misthaufen. Kann ich mir einbilden, mich außerhalb die gesamte menschliche Kultur und Sozialisation zu stellen. Die Frage ist nicht, ob es mir gelingen kann, sondern ob ich es überleben kann, wenn es mir gelingt. Und eigentlich ist es keine Frage, weil ... ich hab da nix zu melden *ggg* - es ist schon entschieden. Was machbar ist, wird gemacht - und das ist wahrscheinlich machbar.

Was werde ich faktisch anrichten, wenn es mir gelingt? Ich nehme an, ich werde in einem Zustand sein wie U.G.Krishnamurti. Ich nehme an, ich werde, im Gegensatz zu ihm, wissen, wie ich dahingekommen bin. Ich glaube nicht, daß die Erleuchtung und rationales Denken sich ausschließen. It is just a tool (Denken meine ich). Ich nehme an, ich werde die Gesetze und Strukturen des Bedeutungsspiels kennen. Und deswegen viel einfacher als die ganzen Erlösungssucher wissen, wie man es durchbricht - also nicht mehr auf den Zufall angewiesen sein. Ich nehme weiterhin an, daß ich es an- und ausschalten werde können. Sozusagen Erleuchtung handhabbar gemacht. Die Naturgesetze der Erleuchtung. Doch in der Welt werde ich nicht unbedingt was anrichten. Eine Technik wird nicht alleine deswegen angenommen, weil sie existiert. Dieses Wissen ist nicht gefährlich.

Und nun wieder zum Hauptfaden. Alle älteren Psychologien arbeiten mit Bewüßtwerdung und Benennung. Einige neuere Psychologien, so z.B. in großem Maße die Familienaufstellungen nach Hellinger arbeiten mit Strukturen. Sie wissen nicht, was sie tun - sie wissen nur, daß es wirkt, oft oder manchmal, aber dann auch erstaunlich intensiv. Hellinger hat sein eigenes Bedeutungssystem, für das, was er tut - doch es ist nicht wichtig, daß der Klient es bewußt in sich oder seinem Umfeld wahrnimmt. Die älteren Psychologien aber scheinen gerade das Paradigma zu haben, was man nicht benennen kann, ist nicht bewußt. Was nicht bewußt ist, kann nicht verändert werden. Ich laß jetzt mal die ganzen Konjunktive und Vielleichts und Möglicherweise und Ich Glaube weg - alles was jetzt folgt ist spekulativ.

Ich bin in einem Zustand (mehr als einem Gehirnzustand). Evtl habe ich Probleme mit meinem Leben und bin drum bei einem Psychologen damit mir der hilft, besser mit dem Leben klarzukommen. Der Psychologe wird dafür sorgen, daß ich diesen Zustand in dem ich bin, benennen kann. Er wird nach seiner Technik mit mir arbeiten, bis ich sage: Oh, ich dachte, ich fühle mich tot, doch jetzt weiß ich, daß ich eigentlich die ganze Zeit tief traurig war und es nur nicht spüren konnte. Und wenn wir beide gut sind, werde ich es nicht nur sagen, sondern karthasisch weinen. Das ist Prima. Danach bin ich ein anderer Mensch und komme mit meinem Leben besser klar. Ich werde wissen, wie wichtig es ist, die Traurigkeit zu spüren und zuzulassen. Und ich werde das auch auf die anderen Gefühle übertragen können (wenn wir beide gut sind, wie gesagt). Ich werde ein wirklich gutes Leben führen können.

Davon hab ich immer geträumt, als es fern war. Nun, wo ich es habe, gefällt es mir nicht. Es ist nicht, was ich will. Doch das habe ich schon irgendwo hier geschrieben. Und wie immer, war der Grund, den ich beschrieben habe, warum es mir nicht gefällt, nicht DER Grund, sondern ein momentan gefundener Grund. Ein anderer Grund ist, daß ich unbeirrbar der Meinung bin, daß diese Welt, wie sie heute ist, abgrundtief schlecht ist. So wie wir leben, sollten wir Menschen nicht leben. Das muß ich nicht erklären, meine individuelle Schranke der Akzeptanz von Grausamkeit, Hunger und Unglück in der Welt ist seit ich darüber denken kann, um ein Vielfaches überschritten. Und, die Lösung des Psychologen war keine Lösung. Mein individuelles Unglück ist weg - das Unglück der Welt hat sich nicht groß verändert. Der Psychologe (den es nie gab, ich hab es alleine geschafft, ein Grund mehr um zuversichtlich zu sein, daß mir die Reise ins fast Allen Unbekannte auch gelingen wird) konnte mir helfen, denn ich war veränderungsbereit und sozialisierbar. Doch ich war mein Leben lang schon eine, die die Frage auf den Wald oder auf die Bäume zu sehen so entschieden hat, auf die Erhaltungsstrukturen und Entstehungsbedingungen des Waldes zu sehen. Noch ein Level abgehobener. Es sind nicht alle Menschen von dem Psychologen und seinen KollegInnen sozialisierbar. Mit sehr sehr vielen Menschen auf der Welt wird der Psychologe keine gemeinsame Sprache finden, selbst wenn sie die selbe Muttersprache hätten. Ich glaube, mit den meisten Menschen auf der Welt wird er diese Sprache nicht finden. Wahrscheinlich gibt es sogar Gesellschaftsformen, in denen alle Mitglieder therapieresistent sind - also, in denen, um die Menschen an die Gesellschaft anzupassen, eine Therapie nicht wirken kann. Da braucht es z.B. Machtstrukturen, Scheiterhaufen und Steinigungen. Welche Therapie sollte einem Menschen in Israel oder Palästina helfen? Solange der Krieg herrscht? Das ist der ältere Grund also, wieso mir die Möglichkeit der Reise in die Bedeutungslosigkeit schon ihr Beginn ist.

Es sieht so aus, als wäre - ach, ich wollte doch den Konjunktiv weglassen. Ein Bedeutungsnetz. Keine Grundgesetze menschlichen Verhaltens, also keine Gegebenheiten "natürlichen" Verhaltens - nicht bei den heutig lebenden Menschen. Es gibt nichts, was nicht ein Mensch schon gegen sein "natürliches" Verhalten getan hätte. Das Bedeutungsnetz ist also mächtig. Es kann gegen die Natur arbeiten. Sogar auf Dauer, wenn es dynamisch installiert ist. Kein Sex, mehr Sex, eigene Kinder töten, ungerührt zusehen, wie die Nächsten verrecken, alle Stufen der Grausamkeit gegenüber anderen, Genuß an Schmerzen, ... - es gibt nichts, was ein Mensch nicht gegen die menschliche Natur tun könnte. Ich hab wirklich keine Ahnung, was denn die menschliche Natur sei - und ich will auch nicht "zurück zur Natur" *ggg* - ich sage erstmal nur, die menschliche Natur ist im heute existierenden Menschen nirgendwo auf der Welt zu finden. (Vielleicht ist sie DA, doch sie ist nicht zu finden, da nicht am gesellschaftlichen Menschen entscheidbar ist, was natürlich ist.)

Es gibt keine seelischen Strukturen, die in allen Menschen gleich sind. Sicher - wir wurden alle geboren (auch das wird bald nicht mehr stimmen) und wir waren alle winzig und hilflos. Von AUSSEN waren wir alle gleich. Von INNEN auch (glaub ich), doch von INNEN waren wir nicht alle hilflos und winzig. Jemand auf ein Erleben und Akzeptieren der eigenen Abhängigkeit und Hilflosigkeit als Säugling hin zu therapieren geht nur, wenn die Begriffe "Abhängigkeit" und "Hilflosigkeit" in dessen Welt einen Sinn haben. Sonst war dieser Jemand eben auch niemals als Neugeborenes abhängig und hilflos. Abgesehen davon, daß Therapie ohnehin immer Heute stattfindet. Oder vielleicht sogar deshalb. Und damit ist der Traum von der allen Menschen gleichen seelischen Basis futsch und ALLE Hoffnungen, die sich auf ihn stützen erweisen sich als trügerisch. Was aber allen existierenden Menschen gleich ist, ist, daß sie sozialisiert wurden. Es ist allen existierenden Menschen gleich, daß sie (irgendwelche) seelische Strukturen haben. Da zwei solche Strukturen also im Extremfall keine Gemeinsamkeiten haben können, können wir nicht auf den einzelnen Strukturen für eine allgemeinmögliche Lösung arbeiten, sondern es interessiert der Prozess der Strukturbildung. Mich wenigstens, als MetaSeherin.

Ich kenne also meine Gefühle. Prima. Immer wenn eines kommt, weiß ich es zu benennen und kann es leben, ja sogar entscheiden, daß es in dieser speziellen Situation nicht ausgedrückt werden soll. Fantastisch. Gruß an Arno Gruen. Und nun benenne ich sie nicht mehr. Sollte eine Benennung kommen, sage ich "Nenn keine Namen" - das funktioniert, hab ich ein Glück, ich bin halt wirklich ein bedeutungsarmer Mensch, und ich beobachte das nun Namenlose, was tatsächlich auch nicht mehr das ist, wie ich es genannt habe. Es ist etwas anderes. MetaGedankenGeschwätz stört diese Beobachtung nicht. Was grade noch so einfach Traurigkeit war, oder Angst für meinem eigenen Chaos, oder ... - ist nun keine Traurigkeit mehr und auch keine Angst.

Es stellt sich allerdings die Frage, wie kann man beobachten, daß man nicht an einen blauen Elefanten denkt? Ich weiß es nicht, doch es geht. Ich kann immer an keinen blauen Elefanten denken und auch bestätigen, daß ich es nicht tue. Das liegt daran, daß ich selbst mit allergrößter Mühe an keinen blauen Elefanten denken könnte. Es geht einfach nicht. Ich kann das nicht. Und ich kann beobachten, daß das, was ich gerade Traurigkeit genannt habe (und im Gegensatz zu blauen Elefanten kann ich an Traurigkeit denken) jetzt von mir gar nicht genannt wird, auch nicht Traurigkeit. Im MetaGedankenGeschwätz kann das Wort Traurigkeit schon vorhanden sein. It is just a tool (das dem MetaGedankenGeschwätz zugrundeliegende Denken).

Es tut sich was, wenn ich es nicht benenne. Anderes, als als ich es Benannte. Mächtigeres. Was da ist, an jetzt nicht mehr zu Benennendem und auch an noch nie Benanntem, vor allem an dem, ist so GEWALTIG in der Menge, daß ich tatsächlich nicht weiß, ob ich nicht aufgeben soll, ob es jemals zu schaffen ist. Meine Vorstellung ist, es ist der Mief von Tausend Jahren. Es ist nicht nur meine eigene Geschichte. Es ist die meiner Mutter, meines Vaters, deren Eltern und deren Eltern, und der Besitzerin bei heute Edeka, wo wir eingekauft haben, als ich Kind war und vom Kaplan, der einmal im Jahr alle Familien besuchte und von jeder Lehrerin und von allen Kindern. Und von deren Eltern, ... . Und, als ob das noch nicht reichen würde, ist es noch mehr. Aber es ist egal, ob es noch mehr ist. Ich weiß nicht, wie es in die Leut reinkommt, aber es ist drin. Ich hab echt keine Ahnung, ob die natürlichen Gegebenheiten, die die heutige Wissenschaft anerkennt, dafür ausreichen. Ich glaub net - ich glaube, daß sie nicht reichen. Es muß sowas geben, daß die Gedanken übertragen werden, mit keinem heute bekanntem oder anerkanntem Medium. Muß ja net unnatürlich sein. Ich hab einen Graus vor dem Un- und Übernatürlichen. Das ist ein weiteres und ziemlich überflüssiges Bedeutungssystem. Und irgendwie isses mir auch egal, wie es reinkommt. Ich weiß, daß es drin ist.

Mit dem was ich grade alles so geschrieben habe, behaupte ich, fällt mir beim nochmaligen Durchlesen auf, daß Bewußtsein nicht das gleiche ist, wie Denken. Awareness und Consciousness. Kann man nichts machen, ich habs ehrlich reduktiv versucht. Nix mit mea culpa. Wirklich ehrlich versucht. Morgen abend werd ich nach Hause kommen und verwirrt sein, wie je zuvor. Vielleicht läßt sich diese Awareness ja auch reduktiv erklären. Doch sie ist vorbegrifflich. Das gibt es. Vorbegriffliche Wahrnehmung, bedeutungslose Wahrnehmung. Wenn man keine Namen nennt, sind die Dinge Zustände.

Und jetzt muß ich arbeiten.

 

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Monika Fürch alias Oskopia Kaleid, 2002