03.September 2002

Was ich nicht weiß ...

Das bucklige Männlein

Will ich in mein Gärtlein gehn,
Will mein Zwieblein gießen,
Steht ein bucklig Männlein da,
Fängt gleich an zu niesen.

Will ich in mein Küchel gehen,
Will mein Süpplein kochen,
Steht ein bucklig Männlein da,
Hat mein Töpflein brochen.

Will ich in mein Stüblein gehn,
will mein Müslein essen,
steht ein bucklig Männlein da,
hat's schon halb gegessen.

Will ich auf mein Boden gehn,
Will mein Hölzlein holen,
Steht ein bucklig Männlein da,
Hat mir's halber g'stohlen.

Will ich in mein Keller gehn,
Will mein Weinlein zapfen,
Steht ein bucklig Männlein da,
Tut mir'n Krug wegschnappen.

Setz ich mich ans Rädlein hin,
Will mein Fädlein drehen,
Steht ein bucklig Männlein da,
Läßt das Rad nicht gehen.

Geh ich in mein Kämmerlein,
will mein Bettlein machen,
steht ein bucklig Männlein da,
fängt gleich an zu lachen

Will ich an mein Bänklein knie'n,
Will ein bißchen beten,
Steht ein bucklig Männlein da,
Fängt gleich an zu reden:

"Liebes Kindlein, ach, ich bitt',
Bet' für's bucklig Männlein mit".

... nun, heiß macht es mich nicht. Doch was ist, wenn ich über mich selbst etwas nicht weiß, das andere Menschen wissen? Wenn ich nicht weiß, daß ich adoptiert bin, aber die ältere Generation meiner ganzen Verwandtschaft weiß das? Wenn ich nicht weiß, was ich letzte Nacht beim Schlafwandeln für Anzüglichkeiten erzählt habe, doch meine Mitbewohner wissen das? Wenn ich nicht weiß, daß ich wunderwunderschön bin, doch jeder Prinz und jedes bucklig Männlein, dem ich über den Weg lauf, weiß das? Da wird es schon problematisch, denn Schönheit ist bei weitem mehr eine gesellschaftlich definierte Eigenschaft als z.B. Augenfarbe. Doch das soll uns hier nicht in erster Linie interessieren. Wenn ich nicht weiß, daß ich ein bucklig Männlein bin?

Wenn ich nicht weiß, daß ich ein bucklig Männlein bin, kann das natürlich daran liegen, daß ich nicht weiß, was ein bucklig Männlein ist. Wenn mir dann erklärt wird, jemand mit einer Halbglatze, der nicht größer ist als 1,62 und sehr stark gerundeten Schultern hat, wäre ein bucklig Männlein und ich sehe dann im Spiegel meinen Haarkranz und den Buckel und messe meine Größe am Türrahmen mit unter 1,60, dann, ja dann, weiß ich, daß ich ein bucklig Männlein bin. Wenn es aber keine Spiegel gibt? Oder wenn zum Bucklig-Männlein-Sein Eigenschaften dazu gehören, die ich nicht im Spiegel erkennen kann?

Als bucklig Männlein kann es mir passieren, daß mich alle Leute so komisch anschauen. Es kann mir passieren, daß ich die Jobs, für die ich geeignet bin, nicht bekomme. Es kann mir passieren, daß ich die Frau, die ich von Herzen liebe, ins Gebälk einer Kathedrale entführen muß, um ihr nahe sein zu können, da sie ansonsten schreiend vor mir davon läuft. Doch halt! So wie Quasimodo will ich nicht enden! Ich schalte meine Lösungssuchmaschine ein, ich suche im Innen, ich suche im Aussen - ja, da gibt es was, da gibt es NLP!

Dann kam meine erste NLP-Sitzung. Ich hatte mich für EinzelCoaching entschieden. Denn von dem großen Bereich des NLP interessieren mich hauptsächlich die Selbstveränderungstechniken. Ich möchte freundlicher werden, so daß ich die Leute auf der Straße fröhlich anlächeln kann, ich möchte überzeugender werden, so daß ich jeden Job bekomme, der mich interessiert, ich möchte ein so einnehmendes Wesen haben, daß die Frauen durch alle Spinnweben hindurch bis unter die Glocken der Kathedrale klettern, um mich zu finden. All das geht mit NLP, mein Coach ist ein super Mann, er hat mir gleich zu Anfang gesagt, Null-Problemo, Null-Problemo. Und das wird wohl stimmen, denn er hat viele Zertifikate, und obwohl er eine total buckelige Haltung hat, scheint er nicht darunter zu leiden. Auf dem Foto auf seiner HP sieht man keinen Buckel, den hat er dort wohl wegretouschiert. Also, Pacing und Leading will ich nicht lernen, das sagte ich ihm gleich, ich will die Powertechniken lernen, ich will an meiner Ausstrahlung arbeiten.

Mein Coach war ganz begeistert von mir, er sagte, ich wäre der WunschKlient, denn Vorraussetzung für gelingendes Couching sei, daß wir wissen, zu was gecoached werden soll. Daß wir Ziele haben und diese Ziele kommunizieren können. Zielen üben! Rief er und legte den Finger an auf die kleine grüne Frucht des Zitronenbäumchens. Und mein Ziel wäre ja schon vorhanden. Das wäre prima, er wiederholt sich oft, doch, so meinte er, mein Ziel könnte man noch genauer fassen, im Moment wäre es sehr allgemein, fast so, als würde ich beim Schießen üben mit einem Gewehr sagen, daß ich irgendetwas treffen wollte. Nun, nein, sagte ich, mit irgendetwas gäbe ich mich nicht zufrieden.

Verlassen wir jetzt die Geschichte und fragen uns: Was kann ich durch NLP-Coaching alles erreichen, wenn ich nicht weiß, daß ich ein bucklig Männlein bin? Ist es möglich, daß das Coaching mir dazu verhilft, daß ich aufhöre, ein bucklig Männlein zu sein? Zufälle und nicht geplante Rückwirkungen in komplexen Regelkreisläufen gibt es immer, also möglich wird es schon sein, in dem Sinne, daß es nicht unmöglich ist. Und wir verlassen jetzt auch die Metapher und ich werde ausführen, was ich mit bucklig Männlein sein und dem nicht davon wissen meine.

Ich gehe von einem so engen Zusammenhang zwischen körperlicher Haltung und Charakter aus, daß ich die beiden oft mit dem Wort „Haltung“ identifiziere, und also tatsächlich beides meine, Körper und Charakter. In dem Lied „Das bucklige Männlein“ interpretiere ich das störenden Männlein als Persönlichkeitsanteile der Ich-Person, die natürlich gar keinen Buckel zu haben braucht. Doch die störenden Charaktereigenschaften werden in diesem Lied, das wenigstens 200 Jahre alt ist, mit körperlichen Eigenschaften schon verknüpft. 1 Auch viele charakterbeschreibende Adjektive wie „starr“, „gehemmt“, „gedrückt“, „verkniffen“ deuten diesen Zusammenhang an. Für abstraktere charakterliche Eigenschaften, z.B. „ehrlich“, „verantwortungsbewußt“ oder „treu“, ist dieser Zusammenhang nicht eineindeutig gegeben – diese fallen nicht unter das, was ich unter Haltung verstehe.

Ich erlebe manchmal Menschen, weil ich situationsabhängig sehr mißtrauisch sein kann, beim ersten Kennenlernen als inkongruent. Sie kommunizieren mir "mag Menschen" als das, was sie von sich denken (das muß auch nicht mit Worten von sich gehen) - und sie kommunizieren mir über ihre Haltung "verachte Menschen". Ich gehe davon aus, daß ich nicht fabuliere - daß also die Daten, an denen ich meine Beobachtung aus der Haltung festmache, wirklich da sind. Wie bei dem Kippbild mit der Alten/Jungen Frau. Es ist berechtigt, das Bild als AlteFrau zu lesen und es ist aus den Daten ebenso berechtigt, es als JungeFrau zu lesen. Die Daten kommen also richtig bei mir an. Und die Interpretation sei ebenso richtig. (Nehmen wir mal an, daß mein Mißtrauen Mücken nur aufbläht, sie aber nicht mit Kanonen bewehrt). Wenn ich diese Menschen länger kenne, "sehe/höre" ich diese Inkongruenz nicht mehr. Ich erinnere mich aber, daß sie mal da war - und kann mich auf die Zeichen konzentrieren - die sind immer noch da. (in Ruhelage spöttisch/höhnischer Mund, z.B. in diesem Fall). Die Registrierung der Inkongruenz zwischen der kommunizierten unbewußten Haltung und dem kommunizierten bewußten Selbstbild meines Gegenüber ist aus meinem Bewußtsein verschwunden. Ich habe gemerkt, ich kann ihn entsprechend seines kommunizierten bewußten Selbstbildes interpretieren und also "behandeln", ohne daß mir Gefahren drohen. Es gibt auch so Leute, wenn man die vermeintlich unbeobachtet stehn sieht, dann strahlen die "Au, Welt beiß mich nicht aus" - und kaum werden sie sich ihrer sozialen Lage bewußt, sind sie "erfolgsgewohnt" - und der Gag ist, sie haben wirklich Erfolg, auch andere Menschen, ihre Erfolgsgeber nämlich, scheinen diese Inkongruenz zugunsten des bewußt kommunizierten Selbstbildes zu ignorieren.

Einige der NLP-Techniken, so wie in der Coaching Situation karikiert, arbeiten alleine an der Gestaltung der bewußten Oberfläche, andere gehen tiefer, sie erfassen, daß es Dinge gibt, die wir von uns wissen, ohne zu wissen, daß wir sie wissen. Im strengen Sinne ist dies natürlich kein Wissen, doch zwei Beispiele aus der Gehirnforschung sollen verdeutlichen, was ich meine:

Eine Gehirnpatientin, die auch eine Split-brain 2 -Operation hatte, wurde einem Witz konfrontiert. Der Experimentator hatte Fotos nur in die linke Gesichtsfeldhälfte projiziert und dann versucht, aus der linken Hirnhälfte verbale Reaktionen auf das rechtshemisphärisch verarbeitete Bild herauszulocken. So hatte er beispielsweise ein Nacktfoto einer Frau dazwischen gesteckt, das also rechtshirnig repräsentiert wurde. Daraufhin fing die Patientin an zu kichern. Und dann wurde sie gefragt, warum sie denn lache, ob sie etwas Besonderes gesehen habe, da sagte sie: "Oh, was haben sie für eine komische Maschine!." Sie war nicht in der Lage, genauer darüber Auskunft sprachlich zu geben, was sie gesehen hatte, weil das Bild nur rechtshirnig repräsentiert war und nicht in das linke Gehirn überspielt werden konnte. Dennoch lachte sie, war affektiv berührt, zum Kichern angeregt, konnte aber nicht sagen, warum. 3

Ein ähnliches Phänomen zeigt sich bei Blindsight Patienten:
Bei der Blindsight 4 zeigen Patienten mit Verletzungen im primären visuellen Cortex (V1) visuelle Diskrimierungsleistungen, die sie aufgrund ihrer Verletzung scheinbar gar nicht zeigen dürften. Sie stellen diese Leistungen zudem selbst in Abrede. Ein Experiment verwendet zum Beispiel kleine Muster mit parallelen Streifen. Die Muster werden mit einem Tachistoskop oder auf einem Computer-Bildschirm dargeboten. Nach jeder Darbietung werden zwei Muster gezeigt und die Vpn sollen angeben, mit welches der beiden zuvor dargeboten worden war. Obwohl die Vpn beteuern, daß sie nicht wissen, wie das dargebotene Muster aussah, ist ihre Leistung wesentlich besser als bei reinem Raten zu erwarten wäre 5

Diese Menschen handeln nach Informationen, von denen sie nicht wissen, daß sie sie haben, nach Informationen, die ihnen nicht bewußt zugänglich sind.

Ob die Menschen, die eine andere Haltung kommunizieren, als sie an sich selbst bewußt wahrnehmen, auch unbewußte Informationen über die ausgestrahlte Haltung haben, können wir nicht mit Sicherheit wissen - doch es ist mehr als wahrscheinlich. Alle Körpervorgänge werden im Gehirn verarbeitet. Irgendetwas im Gehirn reguliert oder registiriert wenigstens den Blutdruck, die Körpertemperatur, den Blutzuckerhaushalt, die Oberflächenspannung der Haut. Das Gehirn benötigt zur Berechnung von zielgerichteten Greifbewegungen detaillierte Informationen über die Lage des Arms und der Hand im Verhältnis zum anvisierten Objekt und auch über die Spannungszustände der Muskeln in der Schulter, dem Arm und der Hand. Ebenso wird ein magersüchtiges Mädchen sehr wohl die richtige Dicke ihrer Arme, Beine und ihres Bauches abgebildet haben - nur das Bild, das sie sich von ihrem Aussehen macht, ist phantasiert. Wenn ich nicht weiß, daß ich ein bucklig Männlein bin ... dann ist es dennoch in meinem Gehirn an einer mir nicht bewußt zugänglichen Stelle zutreffend abgebildet. Da ist dann natürlich nicht "bucklig Männlein" abgebildet, sondern genau die (Ver)spannungen, Signale, Gesichtsausdrücke, Stimmlage, die ich verwende und die andere sofort und zielsicher zu einem bucklig Männlein zusammensetzen

Die PersönlichkeitsVeränderungsTechniken, die auf eine Veränderung des kommunizierten bewußten Selbstbilds hin arbeiten sind nicht unbedingt daran interessiert, daß dieses mit dem unbewußten Modell (dem bucklig Männlein, von dem ich nichts weiß) übereinstimmt - es reicht, wenn es sich nicht beißt. Eine Person, die Probleme mit ihrer Wirkung hat, versucht mit den verschiedensten Techniken eine Haltung zu erreichen, die bewußt und im Aussen ist, und die sie durchhalten kann. Wenn der Berater deutlich sieht, daß sie etwas kommuniziert, wovon sie nichts weiß, ist es kaum hilfreich, wenn er ihr dies direkt sagt, er versucht durch verschiedene Techniken Informationen bewußt zu machen, wie denn eine Lösung, ein anderes Verhalten, ein anderes bewußtes Selbstbild aussehen könnte. Die Lösungsvorschläge, wenn es gut geht, sind aus nicht gewußter Information gut geraten, und können wohl eine Lösung des Teilproblems sein. Damit ist aber noch nicht gewährleistet, daß sie insgesamt ins System integriert werden können. Darum der Ökocheck 6, der den Gesamtkontext berücksichtigt. Fällt er negativ aus, wird die Suche nach einer Teillösung wiederholt. Theoretisch mit offenem Ende. Es muß keine Lösung gefunden werden. Das NLP der Persönlichkeitsveränderung, arbeitet am bewußten Selbstmodell 7 . Es verwendet zur Veränderung entweder bewußte Techniken oder so eine Art Fischen im Unbewußten. Gefischt wird im Trüben. Gefunden werden vorbewußte Informationen, die, so kann man vermuten, noch keine Bilder in irgendeiner Form sind - ein Bild wird aus diesen Informationen erst im Bewußtsein. Der Verträglichkeitscheck wird auch im vorbewußten Bereich gemacht.

Wenn das alles stimmt, ist die PersönlichkeitsVeränderungsTechnik eine witzige Sache. Sie arbeitet an der Oberfläche, verwendet dazu Informationen, von denen sie nicht so recht weiß, wie sie dazu kommt, hat aber genügend Sicherheit der Methoden, um fast immer an diese Informationen zu kommen und baut diese Informationen nach dem Try and Error Prinzip in die personale Oberfläche ein. Ob sie Innen nicht zu einem Crash führt, überprüft sie auch mit einer Methode, deren Informationsquelle sie nicht kennt, die aber zuverlässig ist. Man könnte sagen, sie arbeitet nach einem evolutionären Prinzip. Nicht die beste Lösung wird angestrebt, sondern die erste verträgliche, die gefunden wird. Daß dann im Nachhinein oft gestaunt wird, daß das Unbewußte "genau die richtige Antwort gefunden hat" oder "daß immer das passiert, was gerade am Besten ist", ist eine hübsche Sichtweise für beide Parteien. Dem einen stärkt es das Gefühl, ein Sonntagskind zu sein und dem anderen verbrämt es, daß er nicht weiß, was er tut.

Der Schaden aber ist, daß in der Haltung wesentlich nichts verändert wird. Sicher können Spannungen wegfallen, die nun nicht mehr nötig sind, es kann eine Fröhlichkeit auftauchen, für die vorher einfach keine Energie da war in der deutlich starreren Situation. Um es krass zu formulieren, es wurde eine komfortablere Benutzeroberfläche installiert, das Prozedurenchaos des Betriebssystems blieb unangetastet. Es kommt nicht mehr zu so vielen Abstürzen wegen Fehlbedienung. Auch in diesem Sinn ist das NLP dann eine Methode zur Kommunikationsverbesserung und keinesfalls eine zur Selbstfindung. Ausser natürlich, man wäre ausschließlich in der Kommunikation man selbst. Was ich bezweifle. Ich glaube sogar das Gegenteil.

Das tiefste Bucklig-Männlein-Sein eines jeden von uns wird durch keine mir bekannte NLP-Technik aufgelöst. NLP arbeitet mit Konzepten (mit was denn sonst?), die Haltung ist individuell verschieden aus vielen körperlichen Abläufen und Verspannungen, auch im Mikrobereich, aufgebaut. Selbst die NLP-Techniken, die mit Bewußtwerdung arbeiten, sind an der Bewußtwerdung im Rahmen einen Gesamtmusters interessiert, in dem die Haltung dann interpretiert werden kann, ein bedeutungsloses Bewußtwerden einfacher Körperzustände und -vorgänge ist für zielgerichtete Interventionen nicht nutzbar 8

Der Ausgangspunkt dieses Artikels ist ein erlebtes Unbehagen, bei den Versuchen, mich zielgerichtet zu verändern, oder auch nur dem Gedanken daran. Dieses Unbehagen blieb konstant über die Jahre, in denen ich meine Vorurteile über Persönlichkeitsveränderung im Allgemeinen und NLP im Besonderen abgebaut habe und in denen sich meine Persönlichkeit in einem Maße zum Angenehmeren verändert hat, das mir vorher nicht vorstellbar war. Diese Veränderungen waren alle innengesteuert. Beschreiben könnte man es so, ich habe Hindernisse auf dem Weg weggenommen, aber nicht vorweggenommen, wohin der Weg zu führen hat. Anfragen an mich, derart, ob ich das Unbehagen nicht einfach abschaffen wollte, wurden jedesmal mit einem eindeutigen Nein beschieden. Das Unbehagen gegen meine zielgerichtete Veränderung abzuschaffen, wäre für mich, in NLP-Sprache ausgedrückt, völlig unökologisch. Ich will es nicht verallgemeinern, vielleicht gibt es nicht viele Menschen, auf die das zutrifft, doch ich frage und fragte mich: Wieso wird dieses Unbehagen im NLP nicht thematisiert? Wieso finde ich mich in einem mir wesentlichen Punkt im NLP nicht wieder?

Ich suchte das Unbehagen genauer zu fassen, es zu formulieren, was letztlich zu der Vermutung führte. Es gibt unbewußte vorkonzeptuelle gelernte körperliche Verhaltensweisen. Auch wenn sie eine Erklärung für meine persönlichen Erfahrung bot, erschien mir diese Behauptung zuerst sehr gewagt. Durch einen Hinweis in der Mailingliste nlp4all wurde mir aber klar, daß sie eine Banalität ist. Anker funktionieren unbewußt und vorkonzeptionell. Das Ungewöhnliche oder Gewagte daran ist also nicht die Behauptung, sondern mein Beharren darauf, daß dieser Sachverhalt so wesentlich ist, daß er wenigstens bei einem Menschen die Anwendung von zielgerichteter Veränderung verbietet. Zielgerichtet ist immer konzeptionell. Mein Ökocheck sagt: Nein. So nicht.

NLP arbeitet mit der Beeinflußung eines komplexen Systems, eines Menschen. Die Steuerung komplexer Systeme ist schwierig und seltenst deterministisch, doch ist es in vielen Fällen, von denen wir nicht davon ausgehen können, daß das System ohne Eingreifen in unserem Interesse läuft, die Forschung und die Anstrengung wert. Wenn wir den Menschen von Außen als komplexes System betrachten, sind die NLP-Techniken hervorragende Techniken, um dieses System zu beeinflußen. In den (weitaus häufigsten) Fällen in denen, die Beeinflußung nach dem Wunsche des Klienten vorgenommen wird, ist auch ethisch nichts dagegen einzuwenden. Von der Methodik her kann man komplexe Systeme aber nur konzeptuell beeinflußen – auch im Falle des berühmten Szenarios des Schmetterlings in China, der mit einem Flügelschlag letztursächlich einen Taifun vor der Küste der USA auslöst, wird Systembeobachtung niemals auf dieser Detailebene stattfinden, da auf dieser niedrigen Ebene die Komplexität nicht handhabbar ist. Kein Klimaforscher wird diesen Schmetterling fangen und ihn an diesem Flügelschlag hindern. 9

Evolutionierte biologische Systeme haben im Gegensatz zum Wetter oder zu künstlichen Systemen einen Mechanismus der Selbstregulation eingebaut, der es dafür sorgt, daß sie (innerhalb eines gewissen Bereichs) nach Störungen wieder in den optimalen Zustand zurückfinden. Die Natur hat sie so günstig evolutionieren lassen, daß sie sich gut fühlen, wenn alles in Ordnung ist, daß nicht alles in Ordnung ist, wenn sie sich schlecht fühlen, und daß sie in der Lage sind, wenn die Störung vorbei ist, sich wieder zum Gut Fühlen hinzustabilisieren. Der natürliche Zustand des biologischen Körpers ist sich gut zu fühlen. Sich schlecht fühlen bei Bedrohungen des Systems ist der Ausnahmezustand. Daß dies so ist, ist aus evolutionären Sparsamkeitsgründen mehr als wahrscheinlich. Sich schlecht fühlen strengt an, kostet also Aufwand – und die Systeme die für die selbe Funktion weniger Aufwand brauchen, sind vorteilhafter und haben sich daher, nach dem evolutionären Modell durchgesetzt.

Daß es einen bilogoischen Normalzustand gibt, ist also die zweite grundlegende Annahme. U.G. Krishnamurti nennt dieses Zustand "natürlichen Zustand". Der biologische Normalzustand ist evolutionär sehr viel älter als die höheren Hirnfunktionen. Dieser Zustand ist vorbewußt., eine weitere Annahme. Er gehört zu dem Bereich, über den man Informationen hat, ohne zu wissen, daß man sie hat. Die Ursache für mein Unbehagen ist also, daß dieser „natürliche Zustand“ mit konzeptionellen Methoden nicht zu erreichen ist. Eine Möglichkeit die Haltung aufzulösen, ist unter dem Primat des Geistigen, der Vorstellung, daß der Geist den Körper steuert, nicht sichtbar. Der Zugriff auf die vorkonzeptuellen körperlichen Gegebenheiten ist mit konzeptuellen Methoden nicht möglich.

In diesem Bereich arbeiten die verschiedensten Körpertechniken, wie Rolfing, Chranio-Sakral, Feldenkrais. Die erstern beiden arbeiten manipulativ, ein Therapeut verändert einen Körper. Die Feldenkrais-Methode basiert auf dem eigenen detaillierten Wahrnehmen der körperlichen Vorgänge. Genau darauf achten, was im Körper auf niedriger Beschreibungsebene bei einem Schritt z.B. alles geschieht.. Mit dieser Methode kann man auch Gefühlszustände entkonzeptionalisieren. Was abläuft im Körper ist nicht "Angst". Was abläuft, ist eine Spannung unterhalb des linken Auges, eine Unruhe inmitten des Kopfes, ein Zusammenziehen einiger Schultermuskeln und ein Anspannen einiger Bauchmuskeln. Oder eben was anderes. Bei jemand anderem. Durch die Beobachtung dessen, was man körperlich tut, werden diese Vorgänge bewußt.

Diese genaue Beobachtung ist dem NLP wesentlich, wenn auch nicht so sehr als Selbstbeobachtung. Der Punkt meiner Kritik ist also nicht, daß NLP nicht generell nicht in diesem Bereich wirken könnte, sondern, daß es das solange nicht kann, solange es auf wohldefinierten Zielen beharrt. Denn sowohl das Bucklig-Männlein Sein, als auch der natürliche Zustand gehören zu den Dingen, die wir wissen, von denen wir aber nicht wissen, daß wir sie wissen. Es handelt sich um unbewußte Information. Ziele können wir nur im Bereich des Bewußtseins wohl definieren. Mein Vorschlag wäre also, um die Haltung aufzulösen, durchaus NLP Techniken der differenzierten Selbstbeobachtung anzuwenden, doch keine Ziele zu setzen, sondern auf die Selbstregulation des Körpers zu vertrauen. Hinter diesem Vorschlag steckt eine letzte Annahme, die auf Beobachtung beruht: Bewußtwerden im körperlichen Bereich hat eine verändernde Wirkung. Bewußtsein erscheint wie eine Taschenlampe, mit der man das, was man anleuchtet, nicht verändert. Das trifft für die Aussenwelt zu und das trifft (höchstwahrscheinlich) für Konzepte zu. Für körperliche Vorgänge trifft dies nicht zu.

Ich werde mit einem Zitat von U.G.Krishnamurti schließen, der seinen "natürlichen Zustand" durch körperliche Vorgänge erreichte, die er nicht einordnen kann und von denen er auch nicht weiß, wie man sie auslösen kann. Die Vorgänge waren ein (bei ihm sehr schmerzliches) Lösen, Loslassen von Körperspannungen. Bei Lektüre seines Berichts hatte ich den unbestimmten Eindruck, daß er sie geistig interpretiert, doch ich glaube, das sind sie nicht - die Vorgänge, die bei ihm auftraten ist genau die Auflösung der Haltung. Vorrausgegangen war bei ihm ein jahrelanger Abbau jeglicher Vorstellungen, wie oder wer er wäre. Die Haltung löste sich bei ihm spontan, ohne Lenkung des Bewußtseins auf die Körperaktivititäten. Der Zustand der "funktionalen Aktivität des Lebens", der sich bei ihm einstellte, ist mit konzeptionellen Methoden nicht zu erreichen.

Der natürliche Zustand ist nicht der Zustand eines selbstverwirklichten Menschen, der zur Erkenntnis gelangt ist; er ist nicht etwas, das geleistet oder erlangt werden kann; er ist kein Ding, das durch den Willen geschaffen werden kann; er ist da - er ist der lebendige Zustand. Genau dieser Zustand ist die funktionale Aktivität des Lebens. Und mit 'Leben' meine ich nicht etwas Abstraktes; es ist das Leben der Sinne, die auf natürliche Weise, ohne das Dazwischentreten des Denkens, funktionieren. Das Denken ist ein Eindringling, der sich in die Angelegenheiten der Sinne einmischt. Sein Streben ist auf Profit gerichtet: Das Denken lenkt die Aktivitäten der Sinne so, daß es etwas aus ihnen herausholen kann, und es benutzt sie, um sich selbst Kontinuität zu verschaffen 10

 

Anmerkungen:
1) Eine sozialkritische, politisch korrekte Interpretation des Gedichtes hielte ich für verfehlt zurück
2) Die Durchtrennung des Balkens.(Corpus Callosum). Die Projektion eines Bildes in eine Gehirnhälfte funktioniert, wenn die Person gerade und ohne Augenbewegung nach vorne sieht und das Bild nur auf einer Seite des Gesichtsfeldes angezeigt werden. Das Bild wird dann in die jeweils gegenüberliegende Gehirnhälfte projiziert. Bei Split-Brain Patienten kann kein Austausch der Information mehr zwischen den Gehirnhälften stattfinden und so ist das Bild dann auch nur in der jeweiligen Hälfte vorhanden und kann nur von den dort angesiedelten Funktionen benutzt werden. zurück
3) Quelle: Hans Lenk, "Das deutende und erdichtende Gehirn", Vortrag, ehemals zu finden unter: http://www.uni-karlsruhe.de/~ea18/philosophie/lenk/deutendes_gehirn.doc zurück
4) Zerebral bedingte Gesichtsfeldausfälle (die Augen können noch sehen). Die Experimente weisen darauf hin, daß visuelle Informationen nicht nur im primären visuellen Kortex verarbeitet werden – der Schwerpunkt meines Interesses liegt darauf, daß die Information nicht bewußt zugänglich ist. zurück
5) Quelle: Gernot Kleiter, „Allgemeine Psychologie I“, zu finden unter: http://www.sbg.ac.at/psy/people/kleiter/allgem/all0/node2.html#SECTION00213100000000000000 zurück
6) Ich sehe das zentrale Moment im Ökocheck im Erkennen von unbewußten Einwänden, z.B. durch Achten auf Inkongruenzen durch den Coach zurück
7) Ich stelle nicht in Abrede, daß die großen Zauberer des NLP ganz andere Sachen machen! zurück
8) Davon bleibt unbenommen, daß ein jeder halbwegs gute Coach die Mikrosignale des Gegenüber registriert, und sie z.B. zur Kalibrierung verwendet. zurück
9) Ein Beispiel aus einem Bereich von Menschen geschaffener Komplexität, dem Computerbereich, kann das noch mehr erhellen: Um einen Rechtschreibfehler in einem Word-Dokument, einen falschen Buchstaben, zu korrigieren, muß auf der niedrigsten Ebene vielleicht nur ein Bit auf der Festplatte verändert werden. Doch um dieses Bit zu finden, brauchen und verwenden wir eine Menge Konzepte: Byte, Speicheradresse auf der Assemblerebene, Datei, Zeichen auf der Ebene der höheren Programmiersprache, Dokument, Wort innerhalb des Programms. zurück
10) http://www.well.com/user/jct/GERMAN/Mystiq/Mystiq2.htm  

_____________________________________________________
Monika Fürch alias Oskopia Kaleid, 2002